Klett-Cotta 2013
Klett-Cotta 2013

Adam Hochschild – Der große Krieg

 

Der Zusammenbruch aller Träume

 

Es gerät heutzutage ein wenig  in Vergessenheit, dass eine „europäische Euphorie“, der Wunsch und die Hoffnung auf ein Zusammenwachsen Europas, schon einmal sehr präsent im Raume stand. Zumindest auf kultureller Ebene gab es kurz nach der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert den Traum eines „geistigen Zusammenwachsens“, eines „Gedeihens in Frieden“ über die Grenzen hinweg. Stefan Zweig legte in seiner Autobiographie ein beredtes Zeugnis dieser Hoffnung dar.

 

Eine Hoffnung, die jäh und brutal in sich zusammenfiel durch den Ausbruch des ersten Weltkrieges und schon die Entwicklung zu diesem hin. Nationalstolz gegen geistige Vereinigung, handfeste wirtschaftliche Interessen gegen Friedenssehnsucht, sture und selbstüberhöhende Persönlichkeiten und vieles an kleinen und größeren Ereignissen mehr hat 1914 zu einem bis dahin unbekannten, grausamen „Abschlachten“ geführt, das ganz Europa innerlich zerreißen und auf lange Zeit entzweien  sollte.

 

Adam Hochschild hat sich dieses Krieges nun angenommen. Wobei, und das ist eine der großen Stärken des Buches, er nicht nur nüchtern und sachlich über die „großen Linien“ und den Kriegsverlauf berichtet, sondern es durchaus versteht, den Leser durch seinen Stil, seine Sprache und sein besonderes Augenmerk emotional mit in dieses welterschütternde Ereignis hineinzunehmen. Allein schon, weil er sehr viel Wert darauf legt, vielfache Personen und Persönlichkeiten in ihren inneren Beweggründen offen zu legen (Hindenburg, Wilhelm II.; Kaiser Franz Joseph, Churchill und viele mehr), die unheilvollen Verhältnisse untereinander aufzuzeigen und ebenso darauf zu achtet, die kritischen Stimmen jener Tage mit in den Vordergrund zu rücken (bei aller verbreiteter Kriegseuphorie).

 

So beschäftigt sich Hochschild im ersten Teil des Buches auch vor allem mit „dem Personal“ auf allen Seiten, bevor er ins Jahr 1914 übergeht.

 

So kommt Hochschild auch jener, aus heutiger Sicht merkwürdiger, Haltung auf die Spur, wie begeistert „das Volk“ und „das Militär“ diesen Krieg aufnahm. Ohne zu ahnen, dass zwischen den letzten Kriegen (1870/71) und diesem Jahr 1914 Welten auch in der Kriegsführung lagen, moderne Technik, Panzer, Giftgas, Stellungskrieg erst nun in voller Wucht als dann „Zweifrontenkrieg“ zum Tragen kamen.

Mit verheerenden Folgen, vor allem, aber nicht nur in den Schützengräben. Intensiv schildert Hochschild die Blockaden auf allen Seiten, die zu Hungersnot gerade in Deutschland führten und hunderttausende Todesopfer nach sich zog. Mit fast skurril wirkender Kriegsführung und umfassender Korruption gerade was Russland anging. Was nur eine der Erklärungen für die anfänglichen Erfolge Deutschlands in diesem Krieg war. Pyrrhus Siege, wie sich herausstellen sollte.

 

So geht Hochschild detailliert die Kriegsjahre nach, bis 1918, zumindest gefühlt, „mehr Tote als Lebende“ im Raume stehen werden und ein ganzer Kontinent erschöpft danieder liegt.

 

Das alles führt Hochschild in einem flüssigen, teils fast romanhaften Stil vor Augen und verfolgt die Entwicklungen auch anhand konkreter Personen (wie Lord und Lady Milner), ein Stilmittel, das für den Leser die Ereignisse personalisiert und so noch greifbarer Macht, als es die Betrachtungsweide Hochschilds an sich bereits hergibt.

 

Adam Hochschild führt den erster Weltkrieg in anderer, frischer Form eindringlich und in seinen inneren Entwicklungen ebenso vor Augen, wie er die äußeren Ereignisse darstellt und bietet so ein eindrucksvolles und den Leser mitnehmendes Gesamtbild dieser „Zeitenwende“ dar.

 

M.Lehmann-Pape 2013