C.H.Beck 2012
C.H.Beck 2012

Adam Zamoyski - 1812

 

Ein fulminantes Buch

 

Es war einer der Feldzüge, die in ihren Folgen das Gesicht Europas verändert haben, der vor allem den Anfang des Untergangs Napoleons I. darstellt.

Den Nimbus der Unbesiegbarkeit verloren. Zigtausende Soldaten verloren und die „glorreiche Armee“ entscheidend geschwächt. Noch schwerer mochte wiegen, dass Napoleon mit diesem Feldzug 1812 gegen Russland auch die bis dato fast unbedingte Bewunderung, das Vertrauen seines Volkes, stark erschüttert hat. Ein Volk, das kriegsmüde war.

Ein Feldzug, der vielleicht „das größte militärische Desaster aller Zeiten“ darstellt und der sich in diesem Jahre zum 200. Mal jährt.

 

Dieser Feldzug mit seiner Umbarmherzigkeit, seinen taktischen und strategischen Fehler, seiner „menschlichen Tragödie von beispiellosen Ausmaßen“, der „erste totale Krieg“ der Menschheitsgeschichte, ist das Thema dieses ganz hervorragend und mitreißend geschriebenen Buches von Adam Zamoyski. Ein Buch, in welchem Zamoyski allen Facetten der Operation nachgeht, in dem er es vor allem, neben allen Beschreibungen von Schlachten und Elend, Sieg und Niederlage, Matsch und Winter nicht versäumt, die eigentlichen Ursachen dieses Desasters zwingend in den Blick zu rücken. Die unglaubliche Hybris, den Caesarenwahn Napoleons, politische Fehleinschätzungen der „Großwetterlage“ im Vorfeld des Feldzuges, militärische Unentschlossenheit und Widersprüchlichkeit währenddessen, genauso wie hier und da reine Zufälle, aus Verwirrungen entsprungen .

 

Ein zudem historisch wichtiges Buch. Denn legendenumwoben, literarisch zigfach ausgebreitet und filmisch zudem in vielfacher Weise bereits umgesetzt ist es nicht einfach, hinter all den modernen Bildern dieses Feldzuges der historischen Wahrheit habhaft zu werden. Eine Lücke, die Zamoyski nun eindrucksvoll zu schließen versteht. Fast in Romanform, mit vielen Erläuterungen und Verweisen auf das alltägliche Leben jener Zeit, auf die Atmosphäre und Stimmung in Paris, in Moskau unter und zwischen den Kontrahenten entwirft er eine immens lebendige Grundlage, auf deren Basis seine historischen Schilderungen eines zunächst zögerlichen, dann totalen Kriegs, folgen, Die Schlacht um Moskau, das folgende Patt, der Einbruch des Winters, ein Rückzug, der tatsächlich hier und da auch ein „Marsch ins Nirgendwo“ war mitsamt der fast völligen Auflösung der riesigen „Moskauer Armee“ der Franzosen, ohne Brüche und nie langweilig legt Zamoyski dieses Drama der Militär- und Zivilgeschichte vor die Augen des Lesers.

 

Nicht nur dem lebendigen Stil des Buches ist dies geschuldet, auch die vielfache Verarbeitung der Berichte von Beteiligten, die Zamoyski verwendet, trägt erheblich zur Lebendigkeit der Darstellung bei. Briefe, Tagebücher, Memoiren, reichhaltig sind die Quellen, aus denen der Autor schöpft. Quellen aus allen Schichten der Beteiligten. Und so, Seite für Seite, ein objektives Bild der Vorgänge darstellt. Ein Bild, das aufräumt mit der dramatisch-romantischen Verklärung, nur der Winter habe Napoleon wie ein „göttliches Schicksal“ in die Knie gezwungen. Auch wenn die Witterung tatsächlich eine wichtige Rolle spielte, strategische Fehler, eine grundlegende Fehleinschützung schon zu Beginn des Feldzuges und vielfach weitere, auch kleinere Ereignisse, führten zur Zerschlagung der größten (und erfolgreichsten) Armee, welche die Welt bis dato gesehen hatte. Zufälle, Unentschlossenheit, widersprüchliches Handeln und allgemein Verwirrung boten viel mehr die Gründe für den Ausgang des Feldzuges als klares militärisches Handeln.

 

Ein fulminantes Buch in Inhalt und Form, eine breite Darstellung, der es nirgends an Tiefe mangelt und die eingängig und höchst lebendig geschrieben vorliegt.

 

M.Lehmann-Pape 2012