C.H.Beck 2016
C.H.Beck 2016

Adam Zamoyski – Phantome des Terrors

 

Freiheit lässt sich auf Dauer nicht knechten

 

Wie „Mächtige“ reagieren, wenn sie ihre „macht“ bedroht sehen. Was passiert, wenn „das Volk“ ein „mehr an Freiheit“ als Sehnsucht spürt, dafür Blaupausen vor Augen hat und beginnt, unruhig zu werden, das ist die generelle und zeitlose Botschaft, die Adam Zamoyski mit seiner sehr sorgfältigen und differenzierten Aufarbeitung einer konkreten Epoche in den Raum setzt.

 

Nach der französischen Revolution, nach dem Sieg Napoleons über diese Revolution und dem Sieg Europas über diesen Napoleon war das wirklich bewegende Thema der Zeit in keiner Weise „erledigt“, sondern gerade dann höchst virulent. Vor allem in den Augen der Mächtigen der Feudalgesellschaft jener Tage. Die Herrscher, der Adel, die politisch agierenden.

 

Wenn König und Königin, wie in Frankreich geschehen, einfach hingerichtet werden können, wenn das Volk sich erhebt, der Gedanke individueller Freiheit zwar durch die Revolution selbst in Frankreich wieder ad absurdum geführt wurde durch das Handeln der „neuen Mächtigen“ und dennoch der Gedanke nicht vom Tisch zu fegen ist, dann beginnt die Verengung des Rahmens. Der Versuch der Kontrolle über das Volk, die Schaffung und Ausweitung von Geheimdiensten, Polizei, Zensur, kritischer Beobachtung.

 

Ein Klima, wie Zamoyski in seiner sehr flüssigen Art der Darstellung aufzeigt, dass den betrachteten Zeitraum von 1789 bis 1848 immer stärker bestimmte. Und dennoch Revolutionsversuche nicht aufhalten konnte, auch wenn diese blutig niedergeschlagen wurden und nicht in den ersten Anläufen zu „Umsturz-Ergebnissen“ wirklich führten (außer in Frankreich zunächst).

 

Diese Prägung der Zeit durch eine geplante und gewollte „Politik der Repression“, die „harte Hand“ der Staaten und Monarchien gegenüber allem, was auch nur den Anruch des „Umstürzlerischen“ in sich zu tragen schien, arbeitet Zamoyski akribisch aufarbeitet.

 

“Je tiefer ich in die Materie eindrang, desto klarer zeigte sich, dass diese (revolutionäre) Panik in gewissen Maß von den damaligen Regierungen selbst geschürt wurde“.

Denn mit Angst lässt sich durchaus trefflich regieren, wenn Einschränkungen persönlicher Freiheit (noch) mehr durchgesetzt werden sollen.

 

Eine Darstellung, die nicht wenige Parallelen auch zur Gegenwart aufzeigt. Trotz anderer Inhalte der Angst und Bedrohungslage, die „Kontrolle“ über „das Volk“ findet im digitalen Zeitalter eine noch ganz andere Qualität, als es mit den damaligen Möglichkeiten umgesetzt werden konnte. Dennoch gleichen sich beide Perioden darin, weitgehend alle zur Verfügung stehenden Mittel auszuschöpfen, um den Status Quo zu bewahren und „Sicherheit“ herzustellen. Wobei die Frage kritisch zu betrachten ist, wessen „Sicherheit“ in erster Linie gemeint sein könnte. Bis hin zum explizit ausgesprochenen Ansinnen eines „Kampfes gegen das Böse“ durch Zar Alexander I. Was 150 Jahre später mit fast gleichem Wortlaut von einem westlichen Präsidenten ebenso formuliert und umgesetzt wurde.

 

Wobei, auch das arbeitet Zamoyski differenziert auf, die Grundgedanken einer „Anfrage an das bisherige Staatssystem“ unter einem gewissen Druck auch in Reformplänen sich niederschlug. Wenn ebenjener Zar über die Aufhebung der Leibeigenschaft in Russland nachdenkt. Dabei aber von der Realität Napoleons und der massiven Haltung der „Siegermächte“ nach 1815 fast zerrieben wurde. So wurde, wie Zampyski formuliert, noch einmal abgewendet, „die Welt auf den richtigen Weg zu bringen“.

 

Wie das geschah, mit welchen Haltungen und welchen Mitteln, das legt Zamoyski anschaulich, verständlich und fundiert in diesem Werk vor. Wie er ebenso die Folgen dieser Repression deutlich aufzeigt.

 

 

„Überall in Europa, insbesondere aber in Deutschland und Italien, herrschte Unwillen über die zunehmende Einmischung des Staates ins Privatleben…gegen die Beamten und die Polizei, die all dies durchsetzen mussten“. Mit langanhaltenden Folgen im 20. Jahrhundert dann, die Zamoyski am Ende skizziert.

 

M.Lehmann-Pape 2016