Riemann 2012
Riemann 2012

Alberto Angela – Vom Gladiator zur Hure

 

Die wandernde Münze

 

Schwer und gewichtig liegt sie in der Hand, diese Geschichte der kleinen Münze, die natürlich nur der sehr geschickt und anders aufgehängte Aufhänger dafür ist, einen Streifzug durch die weiten des römischen Reiches zu Zeiten seiner breiten Ausdehnung und kraftvollen Weltbeherrschung zu gestalten.

 

Von Schottland nach Kuwait, von Portugal bis Armenien reichte das Gebiet des römischen Reiches zu Zeiten des Höhepunktes seiner Blüte. Aber wie konnte das damals sein? Solch verschiedene Volksgruppen, Länder, ganze Regionen unter einer Herrschaft zu vereinen? Wie lebte es sich im Alltag dieses römischen Reiches?

 

Grundfragen, denen Alberto Angela nachgeht und die er, vorweg bemerkt, ebenso unterhaltsam wie fundiert beantwortet. Und der rote Faden, der diese Reise durch die Gebiete des Reiches, durch Entwicklungen, ein wenig durch Raum und Zeit ist eben jener eine Sesterz. Eine Münze, die von Hand zu Hand wandert und die im Buch in drei Jahren den Leser durch das gesamte Reich führt (114-117 N.C.). Vom Zentrum bis in hinterste Winkel, von schwieligen Legionärshänden über kundige Hurenhände bis  in den Alltag eines Arztes hinein. Von einfachen Seemann reicht die Palette der Sesterz-Besitzer bis hin zum Kaiser selbst, vom Sklaven bis zum anerkannten Händler und vielen mehr.

 

Ein differenziertes und lebensnahes Bild ist es, das Alberto Angela auf 600 Seiten vor Augen führt, ein Bild, in dem das innerlich Verbindende dieses Weltreiches deutlich werden wird, ganz natürlich aus den Seiten heraus fließt. Wo deutlich wird, dass selbst in entlegenen Ecken (oder gerade da) mit Stolz die römische Lebensart gepflegt wird, fast mehr, als in Rom selbst.

 

Mit seiner bildreichen, sehr plastischen Sprache (die Operation des Arztes mag hier als Beispiel gelten), die nie abgehoben daherkommt, gelingt es Angela zudem auch, eine dichte Atmosphäre zu schaffen, das Treiben auf den Märkten, die Anspannung des Arztes, das Leben in der damaligen Welt fühlbar in den Raum zu stellen.

 

Und wie ähnlich und vertraut zum modernen Leben vieles erscheint, was Angela schildert. Ein reger Güterverkehr durch das gesamte Reich, ein florierender Handel, ein einheitliches Recht, eine einzige offizielle Amtssprache. Gallischer Wein und spanisches Olivenöl selbst in Alexandria oder in London in den Tavernen. Standard, so wie heute Waren aus aller Welt in den Regalen liegen. Es gab sogar „Raststätten“ an den Verkehrswegen und „Motels“ für Übernachtungen. Die Scheidungsrate stieg, die Geburtenrate sank, Korruption verbreitete sich, Prozessbeginne zogen sich aus Überlastung der Gerichte hin. Die Blaupause einer hoch entwickelten, modernen Gesellschaft eben, mit einer anderen Technik als in der Gegenwart, aber mit sehr ähnlichen inneren Strukturen (die auch für die Gegenwart die ein oder andere Warnung sicherlich beinhalten).

 

Ein intensives, alltagsnahes und breites Bild des alten Rom führt Alberto Angela dem Leser vor Augen, welches er in unterhaltsamer, stets flüssiger Erzählweise atmosphärisch dicht zu gestalten versteht. Weder verfällt er der Gefahr, in Sprache und Stil zu trivial zu werden noch gerät er in Versuchung, zu abgehoben abstrakt seine Inhalte zu präsentieren. Ein ganz hervorragendes Buch über das „ganz normale“ (und dem heutigen so ähnliche) innere und äußere Leben im  damals riesigen (und straff organisierten) Weltreich.

 

M.Lehmann-Pape 2012