Klett-Cotta 2016
Klett-Cotta 2016

Anders Winroth – Die Wikinger

 

Profund erzählt

 

Aufbruch auf recht einfachen Schiffen. Den Stürmen der Meere getrotzt, die „Welt“ (zumindest in erstaunlichen Teilabschnitten) bereist, hart, gnadenlos mit bedingungslosem Zusammenhalt.

 

Und getrieben von eher „Kleinigkeiten“, wie Winroth flüssig erzählt vor Augen führt. Beutestücke, Gastgeschenke anderer Bundesgenossen wie schöne Vasen und echter Wein ließen den Funkeln immer höhere Glimmen und dann zum lodernden Feuer werden, sich dieses alles als „Beutegut“ einfach zu nehmen, in die eigene Heimat zu bringen.

 

„Alles fing mit den großen Festgelagen in den Hallen der norwegischen Könige an“-

 

Ein Unterfangen, dass nicht einfach blindlings angegangen werden konnte, harte Kämpfer hatten auch andere Volksstämme. So schildert Winroth nicht nur das alltägliche „Leben zu Hause“ der Wikinger, deren Mythen und Sagenwelt, welche diesen Alltag formten, die kriegerische Götterwelt, die den Kämpfer dann ehrte, sondern vor allem auch die kreativen Fähigkeiten der Wikinger. Für Probleme Lösungen zu finden. Sei es im Transport, in der Logistik und in findigen Schlachtmethoden und Schlachtordnungen, die sich zu Recht im Untertitel des Buches wiederspiegeln: „Das Zeitalter des Nordens“, welches die Wikinger in vorderster Reihe prägten.

 

Unbedingte Treuebeziehungen und Gefährtenschaft, eine religiös motivierte Lust am Kampf, eine gewisse Gleichgültigkeit dem Leben gegenüber, so es nicht gewagt, genutzt, gelebt wird.

 

Und der Rest ist Geschichte. Von Winroth immer wieder mit überraschenden Einzelheiten, mit eben jener Verwurzelung in den Königshallen vor und nach den Raubzügen in untrennbare Beziehung gesetzt.

 

Die mächtigen Königreiche Europas gedemütigt, reiche Schatzkammern geplündert und zig Schlachten mit aller Kraft geschlagen (und nicht selten vernichtend gewonnen).

 

Und all dies führt wieder in die Festhallen. Wo die Beute verteilt wurde, die Gier auf Ruhm und Beute aufrechterhalten wurde, die enge Nähe zwischen den Wikingern immer wieder erneuert und vergewissert wurde.

 

Eine Haltung, die zu einem danebenstehenden Bild der Wikinger in der Moderne führte. Nicht als „brutale und kulturlose Tiere“ sind sie in die Geschichte eingegangen, auch das arbeitet Winroth überzeugend heraus, sondern als auch jugendliche, mutige Abenteurer und Entdecker, als furchtlose und neugierige Männer, findig und mit großem Vertrauen in die eigene Kraft, die eigenen Waffenbrüder. Die abenteuerlustig die Welt entdeckten und zu weit entfernten Ländern aufbrachen (ohne dort immer gleich Bogen und Schwert zu schwingen).

 

Vielfach sind die kulturellen Auswirkungen, die Winroth in Feld zu führen versteht, ohne jene kalte, harte Grausamkeit im Kampf je unter den Tisch fallen zu lassen. Beides gehört dazu, zu einem realistischen Bild von den Wikingern, wie sie wirklich waren abseits der Legenden und Mythen, die bis heute das Bild prägen. Zudem muss klar sein, dass diese überbordende Gewalt in der damaligen Zeit nicht nur kein Einzelfall war, sondern letztlich im Vergleich auch mit anderen Stämmen und größeren Reichen den Normalfall darstellte.

 

Das Kapitel „Gewalt in einer gewalttätigen Zeit“ bietet hier ebenso breiten Aufschluss, wie das gesamte Werk akribisch die Welt und da Leben der Wikinger realistisch und im Stil flüssig bis spannend nachzeichnet.

 

Eine sehr interessante Lektüre mit vielen neuen Informationen und einer anderen Haltung des Herangehens an die Wikinger und ihre Epoche.

 

 

 

M.Lehmann-Pape 2016