C.H.Beck 2015
C.H.Beck 2015

Andreas Wirsching – Demokratie und Globalisierung (Europa seit 1989)

 

Überzeugende und informative Darstellung der Entwicklung

 

1989 war eine Zäsur der Geschichte. Nicht nur aufgrund des Endes der deutschen Teilung (diese war eine Folge der Zäsur). Sondern im Wegfall eines ganzen politischen „Weltblocks“, der Auflösung der ehemaligen Sowjetunion und damit des offenkundigen Scheiterns des „realen Sozialismus“ entfiel auch, eine zumindest vorhandene, gedankliche und politische Alternative zum demokratischen System des Westens und zur marktwirtschaftlichen Orientierung der Wirtschaft.

 

Bis hin zur nüchtern von Wirsching beschrieben Situation der Gegenwart:

 

„Der Kontinent (Europa) ist abhängig geworden von Finanzmärkten, auf denen sich hypermoderne Transaktionen vollziehen…..Betrug und Wirtschaftskriminalität inklusive…..Zugleich aber lauern gleichsam dunkle Kräfte der Vergangenheit: imperialistische Versuchungen und nationalistische Rückfälle, Hass, Gewalt und Blutvergießen (mitten in Europa)“.

 

Mit Folgen und sichtbaren Zeichen von Schieflagen.

 

1995 das Massaker von Srbenica, ebenfalls 95 die Pleite der Baring Bank durch die unlauteren Methoden, das Versagen eines einzigen Investmentbankers in Singapur. Seit einigen Jahren die massiven Probleme Griechenlands als „Spitze eines Eisbergs“ an Finanzproblemen der Länder. Und seit 2014 die vielleicht „Rückkehr des Imperialismus“ im Rahmen des Ukraine Konflikts.

 

Dennoch erläutert Wirsching, und das fundiert und überzeugend, dass hinter diesen problematischen Momenten und tiefsitzenden Spannungen konvergierende Kräfte am Werk sind (du das nicht erst seit Gründung der EG oder der Einführung des Euro), dass die „Tendenz zur Angleichung“ eine starke Kraft in Europa ist.

 

„Insofern besteht die Krise Europas in nichts anderem als seinem Zusammenwachsen“.

 

Eine interessante These, die Wirsching im Folgenden sehr breit und sehr fundiert ausführt, begründet und in ihren Folgen aufzeigt.

 

Dabei stellt er sowohl die vieldiskutierte „Krise der Demokratie“ differenziert dar (die er durchaus als „Formwandel“ betrachtet), zeigt die verändernden Herausforderungen der Globalisierung in wirtschaftlichen Herausforderungen, Angleichungen und der „neuen kulturellen Vielfalt“ auf und wendet sich dann sehr konkret den europäischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte zu. Ist hier ein „Global Player“ auf Dauer zu erwarten, eine „Weltmacht Europa“? Wie entstand und was bedeutet die Krise seit 2008?

 

Um dann doch zurückzukehren zur aktuell real drängendsten Frage der Haltung in der Ukraine, die Frage nach den „Grenzen Europas“ und wie diese gesetzt werden können. Was Wirsching auch am Beispiel eines EU Beitrittes der Türkei differenziert diskutiert.

 

Und sieht die Lösung auf Dauer nur in einer „Integration“ vor Augen, die allerdings nicht in ihrer traditionellen, spezifisch „westeuropäisches Nachkriegsprojekt“ mehr verstanden oder fortgeführt werden kann.

 

Ein sehr kenntnisreiches Buch mit überaus vielen Beispielen und Informationen für den Leser, das, dichtgedruckt und eher wissenschaftlich verfasst, nicht ohne Konzentration gelesen werden kann. In dem Wirsching sehr differenziert die Probleme beschreibt, aber auch jene „paradoxe Kraft der Integration“ aus der Geschichte heraus immer wieder herausschält und nach vorne stellt. Und in dem Wirsching zwar das „westliche Modell“ als gefährdet, aber noch lange nicht verloren oder kraftlos betrachtet.

 

Informativ und lesenswert.


M.Lehmann-Pape 2015