C.H.Beck 2017
C.H.Beck 2017

Bernd Roeck – Der Morgen der Welt

 

Umfassende und fundierte Darstellung der Renaissance

 

In durchaus „munter“ zu nennendem Erzählton führt Bernd Roeck über die knapp 1200 Seiten reinen, darstellenden Textes den Leser in alle Hauptlinien, Verästelungen und Denkansätze, Kunst und Kultur mitsamt der mit ihr einhergehenden „Wandlungen der Welt“ im Zeitalter der Renaissance bestens hinein.

 

Im Kern fast in Gänze zusammengefasst 1632 durch das „Gespräch über zwei vornehmliche Weltsysteme“, publiziert von keinem Geringeren als Galileo Galilei, steht die Renaissance bis heute für eine einerseits „Rückbesinnung“ auf die Antike, gerade auch im philosophischen Denken, und durch diese Rückbesinnung hindurch auf eine Veränderung der Welt hin zu Ihren Grundlagen, die bis heute die „moderne Lebensweise“ fundamental prägten und prägen.

 

Gerade das aus der Antike übernommene Wesen des „Diskurses“, der „kritischen Diskussion“, der „Freiheit der Meinungen“ führte in dieser kulturellen Blütezeit zu massiven Erschütterungen scheinbar auf „ewig“ festgefügter, „göttlicher“ Ordnungen, von denen das heliozentrische Weltbild nur ein prominentes Beispiel der Wucht der Veränderungen darstellt.

 

Das „Prinzip Streit“ wurde in und durch die Renaissance als Leitmotiv gesetzt, von denen auch in der Gegenwart freiheitliche und demokratische Ordnungen zentral leben.

 

„Antike in Fülle aufgreifen, es weiterdenken Neues daraus entwickeln, schließlich das Alte überwinden“. Alle Gebiete des kulturellen Lebens, der Kunst, des Wissens, erfuhren in diesem Zeitalter nachhaltige Umwälzungen und setzten sich in den „Formeln“ zu Prinzipien einer sich immer weiter entwickelnden, den „Fortschritt“ im Blick habenden, Welt.

 

Diesen Weg beschreibt Roeck im Werk minutiös und detailliert, und legt damit auch die Wurzeln der bis heute zu sehenden „Teilung der Welt“ offen vor die Augen des Lesers. Das, was gemeinhin „westliche Welt“, „Abendland“ als Summe konkreter, freiheitlicher und am Individuum orientierter Haltungen darstellt, ist in dieser Zeit des „europäischen Wunders“ (Eric Jones) entstanden, gewachsen und hat sich fest verankert. Bis hin dazu, wie Roeck überzeugend argumentiert ausführt, dass die wissenschaftlichen und technischen Umbrüche dieser Phase des Spätmittelalters die „notwendigen Bedingungen“ erst gesetzt hat für die später folgende industrielle Revolution und damit für die Moderne schlechthin.

 

Wobei Roeck im späteren Verlauf seiner Darstellung ebenfalls redlich der Frage nachgeht, warum dieses Geschehen regional eher beschränkt blieb und in anderen Kulturen, auf anderen Kontinenten nicht vollzogen wurde (was nicht zuletzt dazu führte, dass die „Aufklärung“ als direkte Folge des veränderten Denkens in manchen Groß-Kulturen bis zum heutigen Tag nicht durchgehend vollzogen wurde).

 

In der Struktur legt Roeck zunächst die „Vorgeschichte“ der Renaissance dar, die „Formierung des Möglichkeitsraumes“, aus denen dann durch konkretes Schaffen in Wissenschaft, Philosophie und Kunst reale „Ereignisse“ entstehen konnten. Fassbare Werke, verstehbare Gedanken. Eine „Verwirklichung der Möglichkeiten“ die etwa ab 1400 bis 1600 ihre zentralen Säulen in der Weltgeschichte aufgerichtet hat.

 

Wobei klar ist und bleibt während der Lektüre, dass keine zwingenden, monokausalen Entwicklungen im Raum stehen, sondern vielfache Wege und Erprobungen, Umwege, Verlangsamungen, Widerstand und Gegenbewegungen (gerade aus den Reihen der religiösen Vereinigungen). Und, nicht selten, einfach auch Zufälle den Gang der Dinge bestimmten, die im Westen, im Gegensatz zu kulturellen „Aufbrüchen“ an anderen Orten in anderen Kulturen nicht in Stagnation endeten, sondern eine bis heute wirksame Dynamik freisetzten. Mit allen konstruktiven und destruktiven Möglichkeiten und beschrittenen Wegen, die Roeck ebenfalls detailliert zu Worte kommen lässt.

 

Die in der Einleitung bereits griffig formulierten „Sieben Säulen der Moderne“, (klimatische und geographische Vorteile, staatliche Vielfalt und  kulturelle Konkurrenz, die Entwicklung städtischer Mittelschichten, die Eindämmung der Religion (in harten Kämpfen), der „kritische Diskurs“, die stattfindende „Medienrevolution“ durch Buchdruck und Vervielfältigungsmöglichkeiten und die Chance eines „sehr langen Zeitraumes“ der Entwicklung) können als Grundstruktur des Buches genommen werden und bieten so die „roten Fäden“ der Darstellung.

 

Wobei bemerkt sei, dass Roeck zum einen eher das „Grandiose“ der Epoche nicht müde wird, zu betonen und hier und da die kritische Hinterfragung zu kurz kommt. Wie auch eine solche Vielzahl an Ereignissen dargestellt wird, vom Kleinen ins Große, die teils zu breiten Raum im Blick auf den „Gewinn“ für die Renaissance einnehmen.

 

Ein breites, tiefes, solides, in der Sprache gut verständliches Werk, allerdings auch sehr, sehr weit verästelt in den Details, das so gut wie alle Wurzeln der Moderne in ihren Ursprüngen darstellt und damit dem Leser ein tiefes Verstehen der Entwicklungen bis zur Gegenwart hin ermöglicht.

 

 

Mit Anregungen und Schlüssen, die ebenfalls die Zukunft in den Blick nehmen und den „Geist der Renaissance“ als hochaktuell und eben nicht lange vergangen charakterisieren.

 

M.Lehmann-Pape 2017