Piper 2014
Piper 2014

Brigitte Hamann – Der erste Weltkrieg

 

Beeindruckender Bild-Text Band der "anderen Sicht"

 

Nicht nur, was die Form angeht, hat Brigitte Hamann sicherlich ein „anderes“, wenn auch nicht unbedingt ein „ganz anderes“ Werk nun, zum 100. Jahrestag des Ausbruchs des ersten Weltkrieges, vorgelegt.

 

Vor allem die in dieser Form ganz außerordentliche Sammlung von „Betrachtungsweisen“ mittels Plakaten, Propaganda-Postkarten, persönlichen Briefen, ebenso in Teilen auch persönlichen Fotografien, zudem mit der Abbildung von Karikaturen und anderen „andersartigem“ Bildmaterial eröffnet Hamann ein ganz eigenen, durchaus aus der Sicht der „einfachen“ Menschen belegten Blick auf jene Jahre des Untergangs der „alten Welt“ mit ihren starren Grenzen, traditionellen Monarchien und geordnetem Ablauf.

 

Wie das ist mit dem, was „offiziell“ die „Herrschenden“ dem Volk vom Krieg erzählen und wie sich das bricht an der Realität der Menschen (und dieses Krieges), wie weit Lüge und Wahrheit auseinanderklaffen, all das lässt Hamann reich bebildert und prägnant in kurzen Texten vor den Augen des Lesers Revue passieren.

 

Aus einem familiären Kriegstagebuch und Feldpostbriefen eines eigenen Verwandten beginnend und ergänzt durch eine Vielzahl zeitgenössischer Bilder und andere, privaten Texten schöpft Hamann Seite für Seite Eindrücke der öffentlichen und der privaten Atmosphäre jener Zeit.

 

„Adio Onkel – Wir machens!“, so schreit es fast eine Postkarte mit den „beiden Moltkes“ ins Volk.0

 

 Kriegsbegeisterung allerorten und siegesgewiss an die Front. Wo die Jungen beim Angriff scheinbar singend die Fahne schwenken, wie es andere Illustrationen dann vorgaukeln wollen. Wobei die ganz einfach gehaltene Illustration „Andacht und Elend im Feldlazarett“ eine ganz andere Sprache spricht. Wie auch „Sterbebilder“ im Buch aufzeigen, dass nach nicht langer Dauer Trauer und Not viel eher die Gefühlslage des „Volkes“ darstellen als all die heldenhaften, mythisch überhöhnten Darstellungen, wie jene der „Wacht am Rhein“.

 

„Krieg ist Krieg. Wohin ich geh, dort tröste ich Witwen, Strohwitwen, Waisen und Mädchen – denn Krieg ist Krieg“.

 

Und diese unverhohlene Ansage von Gewalt und Vergewaltigung in diesen dann leuchtenden Farben wie aus einem Heimatfilm entsprungen dargestellt zu sehen, das ist schon fern der Realität, wie ein zweites Bild auf dergleichen Seite brutal aufzeigt.

 

Gas-Tote und „Gas-Witze“, Gloria und Elend, Siegesmeldungen und weggeschossener Unterkiefer, es ist eine besondere, aufrüttelnde und intensive Darstellung, welche Hamann in die verschiedenen Themen wie „Soldaten und Frauen“, „Kriegskrüppel“, „Front und Heimat“. „Steckrübenwinter“ u.v.m. unterteilt.

 

 

Eine sehr interessante, nicht kühl lassende und den Gegensatz zwischen „offiziellem“ Krieg und „realem Erleben“ dicht aufnehmende Melange von Fotografien, Grafiken, erläuternden Texten und alltäglichem Leben im Umgang mit der „Urkatastrophe“ des ersten Weltkrieges.

 

M.Lehmann-Pape 2014