Klett-Cott 2013
Klett-Cott 2013

David Gilmoure – Auf der Suche nach Italien

 

Der Kern der italienischen Gesellschaft

 

„Laut Prognose wird das italienische Volk in vier bis fünf Generationen aussterben“.

Und das ob der niedrigsten Geburtenquote aller Zeiten. Noch erhellender für den Zustand des Landes ist eine konkrete Statistik. Im Januar 2005 wurden weniger als 46.000 Kinder geboren, aber 212000 Kraftfahrzeuge angemeldet. Die Prioritäten im Land sind klar verteilt.

 

Ebenso, wie die Korruption nachweislich das öffentliche Leben lähmt, Politiker in Italien sind die am besten versorgten in ganz Europa und die am wenigsten angesehene Personengruppe im eigenen Land.

 

„Ist Italien wirklich eine Nation, oder war diese Vorstellung nur eine Erfindung des 19. Jahrhunderts“?

Und wenn ja, warum ist das so, was ist eigentlich „Italien“?

 

Das sind die Fragen, denen David Gilmour in sehr fundiert recherchierter Weise nachgeht. Im Tonfall  gerade zum Ende hin könnte man meinen, dass er dabei brachial hart über das Land urteilt. Bei genauerem Hinsehen aber stellt man fest, dass er im Kern einfach nur vorhandene Statistiken vor Augen führt und auswertet. Vom Bau illegaler Häuser (Italien ist der größte Verbraucher von Beton in der gesamten EU) über die „das Gesamte“ lähmende und auf die Spitze getriebene Stellung der „Familie“ bis hin zum nicht verstehbaren Steuerrecht und den vielfachen Ressentiments der einzelnen Landstriche und Provinzen gegeneinander.

 

Bei weitem aber geriert sich Gilmour nicht hauptsächlich im „Niederreden“ des Landes und Volkes. Als Gegenpol zum (nicht funktionierenden, korrupten, kriminellen und politisch „unregierbaren“) „Nationalstaat“ zeigt Gilmour auch überzeugend den eigentlichen „Kern“ Italiens auf. Das, warum junge Menschen selten aus ihrem Geburtsort wegziehen möchte, warum auch polyglotte und weitgereiste Italiener oft in ihrer Heimat wieder Wohnsitz nehmen, auch wenn diese eher klein und provinziell scheint.

 

Gerade diese Überschaubarkeit ist es, welche Gilmour als das „Herz Italiens“ ausmacht. Wo an den alten Fassaden und Erscheinungsbildern der Innenstädte festgehalten wird, weil man dies als Teil der Identität empfindet. Wo die „Piazza“ das Zentrum des öffentlichen Lebens ist, man sich kennt, hilft und durchaus bereit ist, über die eigene Familie hinaus Energie für das Gemeinwohl aufzuwenden. Aber eben nicht für „Italien“ als Nationalstaat, sondern für das „Campanilismo“, das lokale Leben, die lokale Verbundenheit.

 

Gilmour weist von Beginn an im  Buch schon bei der geographischen Betrachtung Italiens, bei seiner Anfälligkeit gegenüber Aggressoren von außen, seiner imperialen und weiterführenden Geschichte nach, dass das, was immer funktioniert hat, was immer Identität geschaffen hat, eben jene lokale Verwurzelung war und ist.

 

Das „kommunale Italien als Ergebnis von 1000 Jahren Evolution“, von Stadtstaaten, von massiven geographischen und mentalen Unterschieden im Land. Nicht wie bei anderen Ländern wurde durch die Geschichte ein „Mehr an Bedeutung als die einzelnen Teile des Landes“ generiert, sondern Italien war immer in den einzelnen Teilen stärker und präsenter als im Gesamten als Nationalstaat.

 

Schon früh nach der imperialen Phase Roms lässt sich der Aufstieg und die Macht „der Städte“ nachweisen. In allen Phasen der italienischen Geschichte vermag Gilmour herauszustellen, dass die „kleine Einheit“ (Familie, Nachbarschaft, Heimatort, Kommune) die eigentliche, „innere Heimat“ der Italiener ist. Und hier das Flair, der Reiz, die Kraft de Landes sich ansiedeln, während das künstliche Gebilde des vereinigten Italiens nie wirklich im Volk Wurzeln geschlagen hat.

 

Eine faszinierend erzählte, immer verständliche und immer überzeugend dargelegte „Gesamtgeschichte“ Italiens mit einer begründeten These über das Herz des Landes und die Quelle seiner Kraft und Kreativität. Sehr lesenswert, nicht nur für Italienliebhaber.

 

M.Lehmann-Pape 2013