S.Fischer 2014
S.Fischer 2014

Douglas Smith – Der letzte Tanz

 

Akribisch und plastisch geschilderte, lebendige Geschichte

 

„Der letzte Tanz“, das ist jener exorbitante Ball aus dem Jahre 1903 bereits, in dem Zar Nikolaus einen prächtigen Kostümball an zwei Abenden im Winterpalais abhielt.

 

Unter dem Motto: “Die Herrschaft des Zaren Michailowitsch“ wurden von der Aristokratie für Millionen von Rubel Roben erworben und jener Vater Peter des Großen gefeiert.

 

Ein wichtiges Symbol, welches Nikloaus II. damit setzte. Obwohl der Ball am 200. Jahrestag der Gründung St. Petersburg stattfand, galten die Festlichkeiten eben nicht dem reformorientierten, westoffenen, seine Verantwortlichen zur Bildung treibenden Peter dem Großen.

 

Festgefügt war der Alleinherrscheranspruch des Zaren, Reformen seiner Vorgänger wurden rigoros wieder eingeschränkt, das Verhältnis von Bauern (80 Prozent der Bevölkerung) zum Adel (eine verschwindende Prozentzahl der über 100 Millionen Russen jener Zeit) zum Bersten gespannt. Der Krieg gegen Japan (in den Augen des Volkes schmählich verloren) tat sein Übriges, um die Stimmung anzuheizen und Gutshof um Gutshof durch das empörte (und ebenso schrankenlose wie tatsächlich teils rohe) Volk niederbrennen und plündern zu lassen.

 

Die massiven Verluste dann zu Beginn des ersten Weltkrieges, die Kampferfahrung und Desillusionierung der Millionen zum Kriegsdienst ausgehobener Bauern war dann nur noch der kleine Funke, der die letzten Schranken reißen lies.

 

Wie Smith zu Beginn erwähnt, in diesem Werk geht der Historiker einem in der Weltgeschichte einmaligen Vorgang nach, der Ausrottung einer ganzen gesellschaftlichen Schicht, gegen welche die französische Revolution harmlos anmutet. Vor allem im Blick auf die spätere Restauration unter Napoleon I., aber auch in der Gesamtzahl forderte diese Revolution nur einen Bruchteil der Opfer real und prozentual, als es in Russland geschah. Und iIn Russland kam keine Restauration, sondern Stalin.

 

Bei allen nachvollziehbaren Entwicklungen gerade im Blick auf das feudale, harte Regime in Russland, den unermesslichen Reichtum weniger und die bittere Armut und Rechtlosigkeit eines ganzen Volkes, viele an den (sorgsam aus Quellen) zusammengetragenen (sehr lebendigen) Schilderungen im Buch zeigen die „Bestie Mensch“ mit ihrer verzerrten Fratze in brutalster Form. Wenn da abgeschlagene Köpfe den Schweinen vorgeworfen werden, Verfolgung, Folter, Vergewaltigung an der Tagesordnung waren, dann braucht es hier und da schon gute Nerven bei der Lektüre.

 

Eine „Geschichte der Verlierer“ schreibt Smith. Das die Geschichte „von Gewinnern“ geschrieben wird und meist „von den Gewinnern“ auch nur handelt, das ist Fakt. Dass aber zu allen Gewinnern auch die Verlierer gehören (die einige Zeit zuvor ja noch „Gewinner“ waren“), das stellt Smith nicht nur als These vor, sondern das erzählt er sehr dicht anhand sehr konkreter Personen zweier alteingesessener Adelsfamilien. Der Familien Scheremetjew und Golizyn mit ihren vielfachen Verzweigungen über zwei Generationen hinweg.

 

Wobei besonders die Mühe des Autors hoch zu schätzen ist, einer Adelsgeschichte nachzugehen, über die Jahrzehnte nicht gesprochen wurde, in der es gefährlich war, an die Altvorderen zu laut zu denken und in der auch die schriftliche Quellenlage, was das persönliche Ergehen und die privaten Archive angeht, nur schwierig zugänglich war und ist.

 

Stand und Entwicklung nach 1900, der erste Weltkrieg, die Oktoberrevolution, Lenin, Stalin, das „Fressen der eigenen Kinder“ durch die Revolution und die Vernichtung des Adels (sobald er nicht mehr in führenden Stellungen benötigt wurde) bis zum Ende des zweiten Weltkrieges hin verankert Smith an diesem zwar großen, aber doch letztlich noch überschaubaren und damit dem Leser persönlich nahe kommenden Personenkreis.

 

In Teilen flüssig und griffig wie ein historischer Roman verfasst, immer sorgfältig, teils auch kleinteilig einzelnen Ereignissen und Personen nachgehend, zeichnet Smith so ein plastisches, dichtes Portrait einer Zeit und einer radikalen, gesellschaftlichen Veränderung mit hoher Grausamkeit und ebenso hohem Blutzoll.

 

Eine sehr empfehlenswerte, sehr intensive und sehr informative Lektüre.


M.Lehmann-Pape 2014