C.H.Beck 2018
C.H.Beck 2018

Ewald Frie – Die Geschichte der Welt

 

Nicht umfassend kleinteilig, aber ein wunderbarer Überblick gerade für Heranwachsende

 

Die Informationsflut ist unübersichtlich. Noch unübersichtlicher sind die vielfachen historischen Deutungen, die je nach eigenem Standpunkt inzwischen weitreichende, persönliche Färbungen erhalten. Bis dahin, dass „nicht gefallende“ oder für die eigenen Argumente nicht passende „Fakten“ gedehnt, verändert, weggelassen werden.

 

Woher nun aber all das kommt, was heute die Zivilisation ausmacht, dass Vieles gar nicht so neu, sondern vor langer Zeit bereits erdacht, umgesetzt wurde, dass Aufgang und Niedergang ganzer Imperien zur Geschichte dazugehören und was es da alles gab, das bringt Ewald Frie in hoch lesbarer, unterhaltsamer und historisch fundiertem Hintergrund dem Leser nahe. Jedem Leser, auch wenn Aufmachung, Sprache und Form des Werkes sich eher an Jugendliche richten.

 

„Vom Faustkeil bis zum Computer, vom Bisonfleisch bis zum Burger, von Grotten bis zu Hochhäusern, von Hockgräbern zur Urnenbestattung, vom Familienclan zum Staat und zu den Vereinten Nationen“.

 

Das Ganze auf gut 450 Seiten, ohne gehetzt zu wirken oder nur stichwortartig Fakten aneinander zu reihen. Was natürlich bedeutetet, dass Frie die Kunst der Auslassung stark in Anspruch genommen hat, ohne den roten Faden des „Fortschritts“, der das Buch durchzieht, aus den Augen zu verlieren.

 

Wie Frie das angegangen ist, wie das Werk selbst ihn im Lauf der Überlegungen „an die Hand nahm“ und wie Frie feststellen musste: „Die Schwierigkeiten beginnen beim Nachdenken, wie immer. Als ich mit dem Lesen anfing, fiel mir auf, wie unfassbar wenig ich wusste (der Mann ist Professor für neuere Geschichte!).

 

Wie dann der Bereich der „Bedrohten Ordnung“, Gesellschaften die unter hohem Druck stehen, ein ganz neues Konzept der Herangehensweise mit sich brachte, das erläutert Frie überzeugend im Nachwort (das zuerst gelesen werden sollte) und widerlegt damit im vorhin vielfache Kritik, die gerade die Auslassungen wohl drohen kann und erläutert überzeugend den eher auf das sozial-kulturelle als zentralen Punkt hin Ausgerichtete des Werkes.

 

Was dann aber im Buch selbst zu finden ist, statt in Zeitaltern zu strukturieren nach Geographie hin geordnet, das ist überaus lesenswert, sehr verständlich und unterhaltsam geschrieben und bietet Blickwinkel, die teils ein anderes, frisches Herangehen in sich tragen.

 

Gerade was den afrikanischen Kontinent betrifft und die dort durchaus verorteten „Hochkulturen“ samt reger wirtschaftlicher Tätigkeit vom 13. Bis 16. Jahrhundert bietet andere Sichtweisen und nicht unbedingt breit geläufige Fakten, wie auch Indien unter dem „Mansab-System“ mit den Erläuterungen Fries differenzierter nach der Lektüre betrachtet werden kann. Dem es durchgehend gelingt, die geographischen Regionen und ihre konkrete Geschichte mit Empathie aus „deren Sicht“ zu erzählen, ohne den (auch im Mittelalter bereits verbreiteten) „westlichen Blick“ mit europäischen Interessen und Zielen zu Grunde zu legen.

 

Ebenso gelingt es Frie, die „fließenden Entwicklungen“ stringent aufzuzeigen. Das alle Ereignisse in konkreten Kulturen mit Übergängen und Grenzräumen, mit Teilmengen mit anderen Kulturen, mit einem „Kommen und Gehen“, mit einem „Erlernen“ und wieder „Verlernen“ einhergehen, welches alles die Kulturgeschichte zu einem hochdynamischen Prozess gestaltet, mit Ruhepausen, sicher, mit Stabilitäten, aber im Gesamten gesehen mit einem Kommen und Gehen von Haltungen, Reichtum, Armut, Macht, Ohnmacht, Erkenntnis und Verlust von Erkenntnis.

 

 

Ein Werk, das anders ist, das aber bei Weitem nicht nur für sich „in der Welt zunächst orientierende“ Jugendliche geeignet ist, sondern für jeden Leser mit Gewinn zu lesen ist.

 

M.Lehmann-Pape 2018