Berlinverlag 2015
Berlinverlag 2015

Florian Huber – Kind, versprich mir, dass du dich erschießt

 

Aufwühlend

 

Zum Ende des zweiten Weltkriegs 1945 hin waren es nicht nur Teile der Führung des dritten Reiches, die den Freitod wählten, allen voran Hitler und Goebels samt dessen Frau und, Gipfel der Perfidität, auch aller Kinder der Familie Goebels.

 

Eine ganze „Welle“ an Selbstmorden überschwemmte das Land vor der und während der Kapitulation. Aus verschiedenen Gründen, sicherlich. Ideologisch motiviert, aus nackter Angst vor der Heranrückenden roten Armee, aus einem Gefühl der totalen Leere heraus bei jenen, die fest auf die Ideologie und Propaganda des dritten Reiches vertraut hatten, bei manchen sicherlich auch im Angesicht dessen, dass ihre aktiven Taten in diesem Regime zur Rechenschaft gezogen werden würden.

 

Florian Huber geht diesem aufwühlenden, harten, emotionalen Buch genau diesem Aspekt am Ende des Krieges nach und wendet sich dabei in den ersten Kapiteln zunächst exemplarisch dem kleinen  Ort Demmin zu. Minutiös schildert er die Atmosphäre, die innere Befindlichkeit im Ort, die verschiedenen inneren Haltungen, die letztendlich zu einem Massenselbstmord sondergleichen führten, kurz bevor die rote Armee den Ort erreichte.

 

Wobei, was die Kinder angeht (und das wird hier nicht das einzige Mal sein, dass es auch die Unschuldigen trifft), kann man getrost eher von Mord denn von Selbstmord sprechen, auch dass eine Parallele zum verblendeten Handeln der Familie Goebels im fernen Berlin.

 

„Wie schön könnte die Zukunft sein, wenn, ja wenn nicht die grausige Wirklichkeit alles zunichtemachen würde, wovon wir träumten“.

 

Worte aus dem Tagebuch eines Lehrers, welche die ganze Illusion und Verstrickung in sich tragen, die im Mai 1945 wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrachen.

 

Verstrickung, Mitschuld, eigene Schuld, dies steht nun im Raum und kann nicht „einfach so“, wie lange Jahre gewohnt, „nicht gewusst werden“.

 

„Die grausige Wirklichkeit war jene, die sie alle nicht hatten sehen wollen, aber nicht mehr verdrängen konnten. Senn jetzt rückte sie ihnen hart, brüllend und triumphierend auf den Leib“.

 

Auch in der Sprache emotional nicht Florian Huber kein Blatt vor den Mund und zeigt ein enges Geflecht von Motiven auf, die an nicht wenigen Orten zu vielfachen Selbstmorden führten.

 

Dass die Propaganda der roten Armee, die flüsternde Kunde vom harten, brutalen Vorgehen der russischen Soldaten im Blick auf die Deutschen das ihrige hinzutat, legt Huber dem Leser dabei ebenso vor die Augen wie er im Gegenzug Personen und innere Befindlichkeiten zu schildern versteht, die in völliger Verblendung scheinbar beschlossen hatten, zu leben und zu sterben.

 

Fassungslos steht der Leser so manches Mal vor dem Geschehen. Nicht nur, was die Tode angeht, auch, was Huber in einfachen Worten als Hintergrund und als unrettbare Verstrickung darzustellen versteht:

 

„Wer ein Wofür hat zu leben, erträgt fast jedes Wie“. Und wenn das Wofür, und sei es auch noch so eine Lüge gewesen, verliert, der verliert dann folgerichtig sein Leben.

 

Nur einer der sorgsam aufgerollten roten Fäden, die Huber in diesem sehr lesenswerten Buch darlegt zu einem tatsächlich wenig bekannten, verdrängten „Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte“.


M.Lehmann-Pape 2015