Klett-Cotta 2014
Klett-Cotta 2014

Frank Dikötter – Maos großer Hunger

 

Eine intensive Lektüre

 

Ein „innerer Blick“ war dem Sinologen Frank Dikötter in der Recherche zu diesem Buch gestattet. U.a. die Archive der kommunistischen Partei Chinas öffneten sich (zumindest weit genug) für den Autor, so dass für dieses Buch Quellen zugrunde gelegt und ausgewertet werden konnten, die bis dato weitestgehend nicht zugänglich waren.

 

Wobei es Dikötter anzurechnen ist, all diese einzelnen Ereignisse und Fakten in einen fließenden, bestens zu lesenden und tief beeindruckenden Gesamtzusammenhang zu bringen. Mit einem Ergebnis für den Leser, das weit über das engere Thema des Buches hinausgeht.

 

Was fundamentalistische Haltungen und diktatorische Macht vereinigt anzurichten vermögen und wie (eben nicht nur in Maos China) Millionen von Leichen dann den Weg säumen, das ist immer wieder ein Angang, solches so klar vor Augen geführt zu bekommen.

 

Egal mit welcher inneren Haltung und mit welchen konkreten Zielen, sei es Stalin, sei es Hitler, sei es eben Mao oder die vielen „kleineren“ Potentaten der Welt, wenn nicht schon von Beginn an, folgt doch bei all jenen irgendwann der Punkt, an dem „das Volk“ keine Rolle mehr spielt, nur mehr Funktion ist, ungerührt vermeintlich „höheren Zielen“ (oder direkt klar nur dem Ehrgeiz einzelner“ „geopfert“ werden kann.

 

Der „große Sprung“ aus der „Tradition“ in die „Moderne“, den Mao China nach seinem „langen Marsch“ verordnet hat, wird in seiner humanen Rücksichtslosigkeit von Dikötter Schritt für Schritt und Seite für Seite in den Millionen von Hungertoten (von denen Dikötter bewegende Einzelschicksale mit aufführt).

 

Mit gewaltigem, militärischem Druck fand, so ergibt es sich aus der Lektüre, eine „Gleichschaltung“ und ein „Verhungern des Volkes“ sondergleichen statt, in der alle anderen möglichen kulturellen Kräfte menschlichen Zusammenlebens außer Kraft gesetzt wurden.

 

Eine „industrielle Reform und Revolution“, die mit Waffengewalt ohne Rücksicht auf Verluste vorangetrieben wurde und den Leser teils fassungslos zurücklässt.

Auch, weil einem schwanen könnte, dass die dahinter liegende Grundhaltung der „Erreichung von Zielen um jeden Prei“ unter Ausschaltung möglicher Korrektive der moderne Welt eine gar nicht so unendlich ferne Grundhaltung ist.

 

„Wir sollten bei Kleidung und Nahrung sparen, um die Exporte zu gewährleisten“. Also schlägt Mao vegetarische Ernährung vor. Und was für Fleisch gut ist, da kann man doch an allem ein wenig kürzen. Selbst Speiseöl wurde rigoros gestrichen.

 

Und als das nicht wirklich half, wurden 1959 noch drastischere Maßnahmen ergriffen, alles für den Export zu requirieren, was notwendig war für die Quoten. Und das kurz vor dem Winter.

 

Wer sich dann die beiden Hauptteile „Die schwächsten Glieder“ (am besten zuerst) und dann „Überlebensstrategien“ in Ruhe zu Gemüte führt, der sieht, das selbst Sklavenbesitzer ihre Sklaven besser behandelt haben, den deren Überleben führte ja zur Mehrung des Reichtums der „Herren“. Eine Überlegung, die bei einem damals 650 Millionen Volk für Mao uninteressant war, „Menschenmaterial“ gab es in seinen Augen ja genug.

 

„Die Rechte der Kinder wurden mit Füßen getreten. Immer wieder wurden Nahrungsmittel aus den Kindergärten gestohlen…..Erwachsene bedienten sich an den Rationen, die für wehrlose Kinder bestimmt waren….. Als der Staat im Chaos der Hungersnot den Rückzug antrat, lösten sich die Kindergärten einfach auf“. Ohne Ersatz und ohne weitere Zuteilungen, natürlich.

 

Ein erschreckendes Buch, das dem Leser nüchtern, klar, verständlich und sachlich vor Augen führt, was den eigentlich mit der Boden und die Grundlage für den heutigen „Erfolg“ Chinas ist. Mit ein Denken im Übrigen, das sicherlich an manchen verantwortlichen Orten (nicht nur in China) durchaus noch im Raume steht, vielleicht nur wesentlich hintergründiger seine Wirkungen entfaltet.

 

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2014