S.Fischer 2017
S.Fischer 2017

Götz Aly – Europa gegen die Juden 1880-1945

 

Kollektiver Antisemitismus

 

Der Holocaust, die Pogrome, die Judenfeindlichkeit und – Verfolgung von Beginn an, schon lange vor der Machtergreifung, den „Sündenbock Jude“ und das „Ausmerzen“ desselben zum Parteiprogramm, persönlichen Feldzug und Aufgabe einer ganzen Nation erklären, diese so ziemlich dunkelsten Momente der Weltgeschichte blieb vordergründig Deutschland, seinem „Führer“ und dem vermeintlich „1000jährigen“ Reich vorbehalten.

 

Doch nicht monolithisch steht der Antisemitismus Hitlers und seiner Schergen im Raum, die Weltgeschichte ist immer und immer wieder durchtränkt von Judenfeindlichkeit und dies gilt in besonderem Maße eben auch für das europäische Denken für den Zeitraum., den Aly besonders betrachtet, von 1880 bis 1945. Und hier greifen nicht nur Ereignisse wie die „Affäre Dreyfus“, sondern eine kollektive Haltung spürt Aly durchaus überzeugend auf, die nicht ausnahmslos aber doch überwiegend die Haltung der Europäer Juden gegenüber kennzeichnet.

 

Soweit, dass Aly steil formulieren kann, dass der Holocaust eben doch eine Art kollektiven Handels voraussetzt und ohne die geistige Haltung bis hin zur aktiven Unterstützung des destruktiven „deutschen Weges“.

 

Was im Übrigen ja nicht völlig neu und unbekannt ist. Zumindest was den Osten Europas angeht, vornehmlich die Sowjetunion und Polen, war der Antisemitismus letztlich nicht minder fanatisch als geistige Haltung ausgeprägt, wie er in Deutschland durch die Nationalsozialisten zur „Religion“ erhoben worden ist,

 

Was Aly sehr, sehr eindrücklich, nicht zuletzt anhand konkreter Lebensbeispiele, im Kapitel „Die Rückkehr der Unerwünschten“ dezidiert dem Leser vor Augen führt.

 

Es war bei Weitem nicht so, dass breites, europäisches Mitleid mit den Juden herrschte, auch nicht, nachdem mehr und mehr bekannt wurde, welcher Volksvernichtung diese in den Kriegsjahren und zuvor ausgesetzt waren. Man denke nur an das Ende von „Schindlers Liste“, den guten Rat des einsamen Befreiers an die geretteten Juden, sich weit weg zu machen, denn viel Besseres sei nun nach dem Sieg an der Ostfront von den „Befreiern“ auch nicht zu erwarten.

 

„Nichts wie weg aus Europa“, auf diesem Hintergrund der kollektiven Ablehnung ist es noch einmal und noch anders zu versgehen, wie dringlich und zentral die Gründung des Staates Israel gerade für die europäischen Juden wurde und war.

 

Wie es dazu kam, wie sich in Mittel- und Osteuropa vor allem Schritt für Schritt ein spürbarer, echter Hass entfaltete, wie Pogrome schon weit vor der Reichskristallnacht stattfanden, eine zunehmende ganz handfeste Verfolgung einsetzte. Und das an durchaus unterschiedlichen Orten und in durchaus unterschiedlich geprägten und lebenden Gesellschaften.

 

So wundert es nicht, auch wenn es heute nicht mehr gerne gehört wird, dass zum Beispiel in Frankreich die „Säuberungen“ aktiv und bereitwillig unterstützt wurden, die nach der Besetzung durch die Wehrmacht umgehend begannen. Kaum Kritik, wohl aber ruhige Zustimmung bis zur großen Begeisterung löste die „harte Hand“ der NSDAP europaweit aus, wie Aly Schritt für Schritt vorlegt und resümiert.

 

 

Ein nachdenklich stimmendes Buch, in dem Aly Verbindungen zwischen nicht unbekannten Fakten zieht, die so ein doch neues Gesamtbild ergeben und die auch für die Gegenwart des Staates Israel bedenkenswerte Impulse geben.

 

M.Lehmann-Pape 2017