Theiss 2012
Theiss 2012

Hans-Peter von Peschke – Das Ende des römischen Reiches

 

Wendepunkt der Geschichte

 

Es hat seinen Reiz, eine über Jahrzehnte, fast Jahrhunderte sich hinziehende Entwicklung, den Untergang einer ehemals weltbeherrschenden Zivilisation, an einem konkreten Zeitpunkt, an einem bestimmten Datum, fest zu machen. Am 4.9.476 n. Chr. endet das römische Reich. Was allerdings in dieser genauen Bestimmung des Datums und des damit einhergehenden Ereignisses der Absetzung des Kindkaisers Augustulus erst den nachfahrenden Generationen möglich wurde und war. Letztlich ist das Ereignis selbst nicht das entscheidende Moment, früher oder später wäre ein anderes Ereignis qualitativ gleichwertig möglich gewesen. Umstände, die von Peschke im Übrigen durchaus erläutert und darstellt.

 

Anders als bei Waterloo, bei Issus oder am 8. Mai 1945 hat der reine Fakt der Absetzung des Kindkaisers durch den Offizier Odoaker alleine keine geschichtserschütternde Kraft. Auch andere Kaiser zuvor waren „aus dem Weg geräumt worden“. Mit einem kleinen, aber feinen Unterschied, der dann doch an diesem Tag eine Zäsur zumindest für das weströmische Reich setzt. Der Germane Odoaker, Heerführer in Italien und derjenige, der Augustulus absetzt, beansprucht den Thron nicht in gleicher Form für sich, er lässt die Insignien der römischen Macht nach Konstantinopel senden und sich selber „nur“ zum „König Italiens“ ausrufen.

 

Eine Fußnote der Geschichte, ein Akt, in dem eine Zeit des Niedergangs Westroms ihren Schlussstrich findet. Insofern hat das Datum durchaus symbolische Kraft als „Ende der Antike“, erschüttert die Welt aber an sich kaum noch, zu klar sind schon seit Jahrzehnten die „neuen“ Verhältnisse und die schwindende Macht Roms. Was den damaligen Zeitzeugen in ihrem gewohnten und alltäglichen Geschehen nicht bedeutsam erschien, wird Historikern späterer Zeiten allerdings durchaus bedeutsam werden. Allein schon die Tatsache, dass der abgesetzte Kaiser überlebte spricht für sich, Spricht für die sichtbare Ohnmacht des ehemaligen Weltreiches, dass ein abgesetzter römischer Kaiser lebendig nicht als wirklich gefährlich eingestuft wird im Ränkespiel der neuen Mächte.

 

Im Kern vollzieht das Buch nicht ausschließlich nur dieses Ereignis und seine näheren Umstände nach. Hans-Peter von Peschke bietet, wie so manch andere vor ihm, einen Abriss des Untergangs des weströmischen Reiches im Zuge der Völkerwanderungen, der veränderten politischen Lage, des Erstarkens der „Heermeister“, zeigt die Schwierigkeiten der Wirtschaft und der sozialen Ordnungen im Vorfeld auf, geht aber auch über dieses Datum hinaus und beschreibt ebenso die weitere Entwicklung, die Versuche der Neuordnung, die neuen Kräfteverhältnisse und das Ergehen Ostroms nach dem Untergang Westroms.

 

Dies alles in flüssiger und verständlicher Sprache ebenso, wie das Buch an sich in recht einfacher und erzählender Form vorliegt.

 

Als Überblick und als atmosphärische Darstellung der Zeit, der Ereignisse die zur Absetzung Augustulus führten und dessen, was diese Absetzung in den nächsten Dekaden nach sich zog ist dieses Buch durchaus zu empfehlen. Die wesentlichen „Akteure“ sind ebenso sachkundig im Buch aufgelistet, wie die wesentlichen weiteren Entwicklungen. Dies allerdings alles in recht kurzer und populärwissenschaftlicher Form.

 

M.Lehmann-Pape 2012