C.H.Beck 2011
C.H.Beck 2011

Heinrich August Winkler – Die Geschichte des Westens. Die Zeit der Weltkriege 1914-1945

 

Umfassende und fundierte Darstellung

 

Selten trifft man auf gut 1200 Seiten, die in dieser Art fundiert, umfassend und zudem noch sprachlich lesbar und nachvollziehbar dargestellt sind.

 

Minutiös folgt Winkler in seinem Aufbau und seiner Darstellung chronologisch der „Zeitenwende“ der westlichen Zivilisation. Von der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, dem ersten Weltkrieg über die Zeit hin und durch die Weltwirtschaftskrise 1918 – 1933.

Die breite und tief reichende Betrachtung der politischen Landkarte unter der Überschrift Demokratien und Diktaturen, die beileibe nicht nur in der Darstellung verhaftet bleibt, sondern in den politischen Entwicklungen und Systemen jene Wurzeln zu benennen weiß (wie im gesamten Buch, übrigens), die nachfolgende Ereignisse fast folgerichtig nach sich ziehen mussten. Folgen, die Winkler treffend als „Zivilisationsbrüche“ bezeichnet, die in der Darstellung des zweiten Weltkrieges und des Holocaust nicht nur ihren leidvollen Höhepunkt fanden, sondern auch endgültig zivilisierte Grenzen und Verhaltensweisen für nachfolgende Kriege niederrissen. Ein Bruch der zivilen Übereinkünfte, der übrigens bereits in Teilen im ersten Weltkrieg sich andeutete. (Einsatz von Giftgas u.a.).

 

So zeigt Winkler durchaus nachvollziehbar und sorgfältig argumentiert auf, dass die „Geschichte des Westens“ in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts vor allem eine Geschichte der Verletzung und Brechung eigener Regeln darstellt. Eine damit hoffähig gemachte Verletzung eigener Regeln, die durch die vielfachen Brüche ihre Tragkraft damit auch für die darauffolgende Zeit verloren haben. Nicht nur in der Betrachtung des dritten Reiches liegt dies ganz offenkundig vor, auch im Blick auf den Stalinismus (glänzend vorgelegt) arbeitet Winkler ohne Mühe diese Leitlinie seiner Geschichtsdarstellung heraus.

 

Auch oft und leicht vergessene „Nebenschauplätze“ finden ihre Würdigung im Buch. Wie sich in Italien der Faschismus einrichtete und durch den Abessinienkrieg festigte. Wie Frankreich in eine innere und äußere Schwächeperiode eintrat in der dritten Republik. Wie schon vor 1933 in Asien durch Japans Besetzung der Mandschurai Wurzeln gelegt wurden, durch die in spätern Jahren verhärtete Fronten geschaffen wurden.

 

Viel Stoff, den Winkler in seine Darstellung aufnimmt. In der Form daher wichtig und ebenso gut gelungen wie der Rest des Buches stellen sich Einleitung und Zusammenfassung dar, in denen die wichtigsten Leitlinien und die daraus zu folgernden Schlüsse knapp und präzise vorgelegt werden. Ein Stil, der im Übrigen auch für die gesamte Darstellung gilt. Auf der einen Seite mögen 1200 Seiten durchaus als viel erscheinen, auf der anderen Seiten finden sich ähnlich umfangreiche Bücher durchaus zu bereits einzelnen Teilthemen, die Winkler in der Gesamtschau vereint. Auch dies kann als gelungen festgehalten werden, die einerseits umfassende und differenzierte Darstellung, andererseits eine knappe und präzise Form der Darbietung, die den Stoff komprimiert, ohne ihn in den wichtigen Teilen zu verkürzen.

 

Schon mit seinem ersten Band hat Heinrich August Winkler einen Standard der Geschichtsschreibung gesetzt, den er in der Qualität in diesem Folgeband mühelos aufrecht hält. Für das wissenschaftliche Arbeiten, das reflektierte Nachlesen und das allgemeine „Lernen aus der Geschichte“ allseits bestens geeignet.

 

M.Lehmann-Pape 2011