C.H.Beck 2012
C.H.Beck 2012

Jörg Baberowsiki – Verbrannte Erde

 

Systematischer Terror

 

„Und wir sollten auch nicht das Naheliegende übersehen – dass Stalin es getan hat, weil es ihm gefallen hat“.

 

In dieser Gefahr, dieses Naheliegende zu übersehen, steht Jörg Baberowski nicht. Auf den gut 500 Seiten des Buches arbeitet er nicht nur dezidiert die grausame und opferreiche innere Geschichte der Stalin Herrschaft hervorragend heraus, sondern versäumt es ebenso nicht, die Psychologie Stalins, die Person eines „bösartigen Psychopathen“, von vielfachen Seiten her zu beleuchten und klar konturiert vor die Augen des Lesers zu stellen.

 

Ungeheure Verbrechen gegen das eigene Volk, gegen alles und jeden, der teilweise auch nur den leichten, persönlichen Missfallen Stalins erregt hat, Säuberungen, denen Millionen zum Opfer fielen, Straflager und Gulags, Hunger und Not, ein perfides, perfektes, reibungslos funktionierendes Terrorregime in ganz großem Maßstab ist es, welches Baberowski in hervorragender Sprache darstellt. Auch der Blick auf das ausführliche und in Teilen kleinteilige Literaturverzeichnis zeigt unmissverständlich, dass hier ein Autor seine Hausaufgaben gemacht hat, weiß, wovon er schreibt und dies zudem klar und prägnant auf den Punkt zu bringen versteht.

 

In der Verbindung zwischen der Person Stalins und dem vordergründigen Anspruch des Sozialismus verdeutlichen die Einlassungen Baberowskis, dass der Stalinismus nichts anders war als eine pure Herrschaft der Gewalt. Eine Gewalt (und das ist interessant), die sich nach Baberowskis Einschätzung aus dem eigenen Versagen an hohen Ansprüchen, aus der eigenen Schwäche heraus motiviert hat. Eine Gewallt, die sich schon früh entwickelt hat und immer breitere Kreise um sich zog. Gewalt, die von Beginn an zunächst als reines Machtinstrument zum tragen kam, bis sie sich nach kurzer Zeit fast verselbstständigt hat, in den Händen Stalins. Eine Gewalt, auch das arbeitet Baberowski detailliert heraus, die ihre Wurzel schon zu Zeiten der Oktoberrevolution zeigte, die eigentlich bereits zur Zarenzeit gängiges Machtinstrument der Bevölkerung gegenüber war. Eine Gewalt, die dann aber vollständig schrankenlos und oft rein willkürlich das gesamte russische Leben der damaligen Zeit bestimmte. Ein Terror, der perfide perfektioniert den gesamten Einflussbereich der Sowjetunion überzog. Und der in der Darstellung im Buch manches Mal aufrüttelt.

 

In dieser deutlichen Darstellung auch der Wurzeln und der Motive der Gewaltherrschaft Stalins zeigt Baberowski im Übrigen Linien auf, die durchaus über das konkret Feld Stalin hinausreichen. Auch das dritte Reich oder Terrorregime moderner Prägung (wie in Libyen oder Syrien) zeigen in den inneren Entwicklungen strukturelle Ähnlichkeiten, was die Nutzung von nackter Gewalt aus Schwäche oder Ohnmacht (und nachher aus reinem Selbstzweck)  heraus angeht.

 

Ein Psychopath an der Macht, der sich diese Macht bereits durch reine Gewalt und Netzwerke von Getreuen sicherte, ein auf (willkürliche) Gewalt bereits aufgebautes System und ein behaupteter „Ausnahmezustand“ der Revolution und des Kampfes gegen Außen führten zu einem millionenfachen inneren Massenmord sondergleichen, der bei näherer Betrachtung durch kein politisches System und keine Ideologie auch nur annähernd inhaltlich gerechtfertigt werden konnte und kann.

 

Ein höchst wertvolles Buch zur Geschichte Stalins, des Stalinismus  und weit darüber hinaus.

 

M.Lehmann-Pape 2012