C.H.Beck 2018
C.H.Beck 2018

James Romm – Seneca und der Tyrann

 

Familiendrama und Spurensuche

 

Ein Rätsel ist dieser Seneca (die Eigentliche, aber nicht die einzige Hauptfigur dieser akribischen und fundierten Spurensuche James Romms).

 

Einerseits bis heute überliefert in seinen „reinen“ moralischen Überlegungen, philosophischen Schriften, literarischen Werken. Im Bild der Geschichte (in einem der Bilder) ein von Nero ungerecht am Ende gedrängter, verfolgter Berater, der im eigenen Heim den edlen Selbstmord wählt.

 

„Denker, Dichter, Moralist, der versuchte, mäßigend Einfluss zu nehmen auf seinen unbeherrschbaren Kaiser.

 

Auf der anderen Seite, und das erschließt sich Zeile für Zeile, nicht nur für seine Zeitgenossen war das Bild Senecas wesentlich getrübter, auch im Durchgang der vielfachen Quellen und der flüssigen Erzählweise Romms wird allein schon an einem Punkt klar, dass Seneca Mittäter war, sich bereicherte und auf seine Stellung sehr wohl achtete.

 

Denn geht man die Ereignisse im Werk durch, sieht man, dass am Ende keiner mehr den Kopf auf den Schultern trug, der in irgendeiner Form in Neros Nähe gewesen war, vor allem nicht auch nur einer, der Ansprüche auf Neros Nachfolge von Geburt an erheben hätte können, so wird deutlich, dass die langen Jahre, die Seneca ein- und den anderen „überlebte“ (bis er selbst „dran“ war) schon für sich alleine darauf hindeuten, dass zwischen hochmoralischen Schriften und praktischem Leben eine deutliche Lücke klafft. Auch wenn der Vergleich hinkt, wie so eine Art „Albert Speer“, dessen immense persönliche Verstrickung auch erst spät in vollem Umfang deutlich geworden ist.

 

„Ein schlauer Manipulant aus bescheidenen Verhältnissen erschmeichelt sich den Weg ins Machtzentrum des römischen Reiches“.

 

Aber, das ist die andere Seite, so einfach ist es dann auch nicht am Ende der Quellenauswertung und Spurensuche. Ein einwandfrei klares Bild des Seneca, das betont Romm von Beginn an, wird sich nicht ergeben. Was weniger an den sich widersprechenden historischen Quellen liegt, sondern, das arbeitet Romm bestens heraus, in der gebrochenen, differenzierten Persönlichkeit Senecas selber liegt. Er war nicht „eins von beiden“, sondern „beides“.

 

Einer, „der sich nicht mit den Besten messen konnte, aber besser war als die Schlechten“.

 

Was Romm nicht wissenschaftlich trocken in Stil und Form darreicht, sondern als „Familiendrama“ mit drei Hauptbeteiligten: Seneca selbst, Nero und dessen Mutter Agrippina. Mit komplexen Verhältnissen untereinander, mit Blutrausch und Machtgelüste, mit der Sorge um den eigenen Reichtum und, natürlich, das eigene Leben. Mit der Faszination, „ganz oben“ mitmischen zu können, das aber zu einer Zeit und unter einem Kaiser, bei dem einem solchen Unterfangen in der Regel wenig Zukunft eingeräumt wurde.

 

Mentor eines unumschränkten Herrschers, der in seiner Person wohl nie wirklich festen Stand gefunden hat, im Zentrum der Lupe des römischen Reiches, auf den eigenen Vorteil bedacht und doch mit Werten und Idealen versehen, eine faszinierende Geschichte, die Romm aus neuem Blickwinkel erzählt und bei der es nur logisch ist, dass das Buch nicht mit dem Tode Senecas endet, sondern allen drei Protagonisten bis ans Ende nachgeht.

 

M.Lehmann-Ppae 2018