National Geographixc 2012
National Geographixc 2012

Jan Stradling – Wenn Sport Geschichte schreibt

 

Mehr als nur ein Wettkampf in der Arena

 

Jesse Owens, der „Untermensch“, der, der nur leicht zähneknirschend im Berlin des Jahres 1936 als Schwarzer unbehelligt blieb, der, dem es „gezeigt“ werden sollte, die Überlegenheit der „weißen Rasse“, er düpierte durchaus fast spielerisch nicht nur sine Mitkonkurrenten, sondern führt für einen Augenblick das grundlegende Gedankensystem des dritten Reiches ad absurdum.

 

1954 in Bern. Mehr als ein Endspiel einer Fußballweltmeisterschaft. Ein Kriegsverlierer wird wieder „salonfähig“ durch den Sport, eine ganze Nation schöpft für den Alltag, für ihr Selbstverständnis Kraft aus den „Helden von Bern“ und dem Gewinn des Titels.

 

Aber schon weit vorher, 1914, mitten im ersten Weltkrieg, zeigte der Fußball, der Sport seine vereinigenden, glättenden Möglichkeiten. Jenes belegte, fast surreale Spiel zwischen Briten und Deutschen Weihnachten and er Front, wo die Waffen schweigen und deutlich wurde, was wirklich war. Junge Männer, die für einen Augenblick der Normalität mit ihrem Spiel aufzeigten, wie sinnentleert die erbitterten Waffengänge waren.

 

Aber auch in der Neuzeit, Ben Johnson bei den olympischen Spielen in Seoul 1988 steht für mehr als nur einen konkreten und persönlichen Betrug im Sport. Das Ereignis steht für eine ganze Politik des Dopings, weit verzweigte Machenschaften und Korruption auf allen Seiten.

 

Sportliche Ereignisse legt Jan Stradling vor, die in ihren konkreten Abläufen mehr waren als nur ein athletischer Wettkampf, Ereignisse, die  über sich hinaus verwiesen als Symbol für politische, weltgeschichtliche Zustände. So, wie es Bobbie Fischer 1972 bei der Schachweltmeisterschaft auf den Punkt brachte: „Diese kleine Sache zwischen mir und Spasski ist eine Art Mikrokosmos der gesamten weltpolitischen Lage. Man sagt immer, die Führer der Welt sollen es gegeneinander ausfechten. Und genau das machen wir nu – nicht mit Bomben, sondern am Schachbrett“.

 

28 solcher über sich hinausweisender sportlicher Ereignisse hat Jan Stadler im Buch gesammelt und in breiten Textbeiträgen mit illustrierenden Bildern. Klugerweise legt er in kurzen Stichworten zur Einleitung jeder Betrachtung den tiefer liegenden Hintergrund vor Augen (Emanzipationsbewegung der Afroamerikaner beim „Rumble in the Jungle“ 1974) und stimmt so den Leer von Beginn jeder Darlegung auf die politische und geschichtliche Dimension der sportlichen Taten ein.

 

Ein Buch, welches die Intensität dokumentiert, mit welcher der Sport gerade in den Jahren nach des kalten Krieges und an vielen anderen Orten und Lagen der Welt immer mehr in sich trug als einen reinen Wettkampf um Ehre oder Geld. Eine Entwicklung, die in die Gegenwart hinein sich durchaus verändert hat, die dennoch immer wieder Ereignisse im Sport geriert und gerieren wird, die dieses „Mehr“ ins sich tragen, wie die (nicht im Buch erwähnte) Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland, in welcher der Blick von Außen auf „die Deutschen“ eine Korrektur erfuhr.

 

Natürlich lässt Stadler auch die Schilderung des Ereignisses selber, seine Abläufe und Hintergründe, nicht zu kurz kommen, so dass der sportbegeisterte auf seine Kosten kommt, aber eben auch die weiteren Dimensionen jeweils wahrnimmt. Ein interessantes und höchstlesenswertes Dokument der Sportgeschichte.

 

M.Lehmann-Pape 2012