Theiss 2018
Theiss 2018

Lothar Machtan – Kaisersturz

 

Entwicklungen im Hintergrund

 

Es gibt solche Zeiten. Zeitenwenden, wie man sie nennt. In denen eine bekannte, „alte Welt“, natürlich immer erst von „danach“ betrachtet, vergeht und, zunächst, ein gewisses Chaos hinterlässt (was in diesem Fall zu noch Schlimmeren 20 Jahre später geführt hat).

 

1918. Das Ende des deutschen Kaiserreiches, zugleich das Ende des ersten, weltumspannenden Krieges und das Ende einer ganzen Epoche von konkreten Werten und Lebensgestaltungen.

 

Dass dies, natürlich, nicht plötzlich entstand, ist allgemein bekannt, die politischen Hintergründe, auch die verschiedenen Persönlichkeiten und deren Zwänge, die einiges and er Katastrophe grundlegend wohl unvermeidlich machten, sind reit beschrieben. Ergänzend zu dieser breiten Literaturlage setzt Lothar Machtan dennoch einen eigenen Akzent, eine auch „innere Spurensuche“ bei drei der Hauptakteure auf Seiten des Deutschen Kaiserreichs und geht diesen Personen in ihren inneren Verwicklungen, Verwirrungen und ihrem „sich gegenseitig matt stellend“ in Ruhe und gut recherchiert nach.

 

„In dieser Lage sind politische Akteure mit der Notwendigkeit konfrontiert, weitreichende Entscheidungen zu treffen“.

 

Und dennoch ist keiner der Akteure in sich völlig frei, der Ratio allein zu folgen, sondern bringt immer die eigene Person mit ihrer inneren Disposition, den Vorlieben und Abneigungen, den Stärken und Schwächen mit ein. Eine Konstellation, die beim Kaiser, bei Max von Baden, dem Kanzler und bei Friedrich Ebert, wohl der einflussreichste deutsche Politiker jener Zeit, was die Breite angeht, zu einem nicht anders als „Drama“ zu nennenden Ergebnis führte, was nicht zuletzt sondern vielleicht sogar vor allem an den inneren Dispositionen der historischen Figuren und deren Verhältnis untereinander seine Ursachen findet.

 

Denn, auch das legt Machtan durchaus argumentativ überzeugend vor, „Die zentrale Aufgabe, die im Spätsommer 1918 im politischen Raum stand, war prinzipiell lösbar“.

 

Und so entfaltet sich vor den Augen des Lesers, folgerichtig strukturiert, eine Aufarbeitung eines „gegeneinander“ oder „rein für sich“ Denken und Handeln, das dann unvermeidbare in die völlige politische Katastrophe jener Zeit im Angesicht des verlorenen Krieges führte.

 

„von Menschen, die eine mehr oder weniger glänzende Vergangenheit hinter sich hatten, aber plötzlich eine ungewisse Zukunft vor sich sahen und sich nun provoziert, ja kopflos fühlten“.

 

Das ist, auch im Stil, flüssig, informativ und in Teilen gar spannend zu lesen, diese sehr persönliche Ebene, die Machtan in die Betrachtung der relevanten Ereignisse jenes Spätsommers mit aufnimmt.

 

Klar dabei ist, dass es eine der wesentlichen Aufgaben des Buches daher zunächst ist, auf persönlicher Ebene mit den Figuren vertraut zu machen um daraus heraus die Folgerichtigkeit der folgenden politischen Fehler verständlich abzuleiten. Ein Ansinnen, das Machtan gelingt und dem Leser vielfache Information aus ebenjener persönlichen Perspektive erläutert und damit innere Zusammenhänge eröffnet, die nicht alle unbedingt schon geläufig sind.

 

 

Eine sehr zu empfehlende Lektüre auch für die gegenwärtige Situation in der Betrachtung von Entwicklungen auch in den Personen der Beteiligten, die zur Auflösung einer ganzen Gesellschaftsordnung führten.

 

M.Lehmann-Pape 2018