C.H.Beck 2016
C.H.Beck 2016

Lutz Berger – Die Entstehung des Islam

 

Lesenswerter religionshistorische Darstellung und Überblick der Ausbreitung des Islam

 

Die Frage nach der Auseinandersetzung mit dem Islam, seinen Wurzeln, Zielen und seiner Tradition wird in den letzten Jahren drängend. Und mittlerweile durch sachgerechte Darstellungen mehr und mehr aufgenommen, einer Analyse unterzogen und somit historisch-kritisch vor Augen geführt.

 

Auch wenn Lutz Berger dezidiert angibt, im Schwerpunkt seiner geschichtlichen Darstellung der Entstehung des Islam diesen als Blaupause für Entwicklungen von Imperien an sich zu nutzen (und dies im Buch auch vollzieht), so bietet dieses Werk in sehr verständlicher und flüssiger Sprache doch zudem vor allem einen interessanten und fundierten Einblick in die Geschichte des Islam, die Entwicklungen im „Morgenland“ um das 7. Jahrhundert herum und verweist, als eines der Nebenergebnisse der Untersuchung, auch auf mögliche Ansatzpunkte für eine „aufklärerische Betrachtung“ des Islam und Mohammeds.

 

Sei es die Erläuterung der „Satanischen Verse“, sei es vor allem die Entwicklung im Koran selbst an der Nahtstelle zwischen „Offenbarungen“ und Umsetzung in „Machtpolitik“ durch das Erstarken der „weltlichen Macht“ Mohammeds in Medina.

 

So bietet Berger im Konkreten gerade was die strittige Sure 9,5f angeht (tötet die Polytheisten, wo ihr sie findet, packt sie, umzingelt sie und legt euch, wo immer möglich, in den Hinterhalt….:“ eine, durch das Umfeld der Entstehung bedingte, Auslegung an, die gerade nicht den ständigen Mord an Ungläubigen zum Ziel hat, sondern die „Integration der Stämme…nicht durch ungebremsten Fanatismus zu gefährden“. So ist das Ende der Sure zu verstehen, nach Reue und Pflichtgebet „gehen zu lassen, wohin sie wollen. Denn Gott ist barmherzig und verzeihend“.

 

Ein „Gehen lassen“ in die eigenen Lebensbezüge wieder, nicht in eine diktatorische Form der Herrschaft.

 

Ebenso gelingt Berger der Spagat zwischen einer überaus ungesicherten Quellenlage zum Leben Mohammeds (alle späteren Überlieferungen sind subjektiv stark geprägt, objektive Quellen wie in Bezug auf das Christentum durch Flavius lassen sich kaum ausmachen) und einer dennoch aus dem Kontext hergeleiteten und aus den „Legenden“ und dem Koran selbst überzeugend zusammengestellten Sicht auf das Leben Mohammeds. Vor allem auf die Herkunft, die zunächst noch nicht einmal zur eigenständigen Versorgung der eigenen Familie in den Anfängen die nötigen Grundlagen bieten konnte.

 

In welchem Umfeld all dies geschah, dass es für die Entwicklung des Islam mit dieser damaligen auch militärischen Durchschlagskraft einer nachhaltigen Schwäche der „Weltmächte“ Rom und Persien bedurfte und ebenso einer sich abzeichnenden lockeren Einigung unter den arabischen Stämmen legt Berger dabei ebenso detailliert und gut lesbar vor Augen, wie er komprimiert und verständlich die Entwicklung religiöser Inhalte, Dogmen, Rituale und das Aufkommen der „individuellen monotheistischen, ortsungebundenen Erlösungsreligionen“ im Einzelnen nachvollzieht.

 

Wichtig vor allem ist eben diese Linie der Entwicklungen, der dogmatischen Überlegungen, der Verschriftlichung und der Änderung von Haltungen bei Mohammed und seinen Nachfolgern klar zu benennen. Denn damit wird ebenfalls klar, dass der Islam nicht „einfach so in einem Stück“ vom Himmel gefallen ist. Womit die Entwicklungsschritte analysierbar und damit deutbar werden könnten. Wo man sich der Weltreligion Islam historisch-kritisch annähern möchte.

 

Denn das Denken und Handeln der Menschen an diesem konkreten Ort zu dieser konkreten historischen Zeit war ein anderes als das gegenwärtige Denken und Handeln. Was zu verstehen hilfreich auch für die Gegenwart für alle Seiten sein könnte.

 

Warum eine neue Religion die Vorherrschaft übernahm, statt das ein Anschluss an bestehende Glaubenshaltungen stattfand, wie nah verwandt Judentum, vor allem aber Christentum und Islam inhaltlich sind, warum es den Muslimen gelang, sich auch militärisch gegenüber den beiden großen Reichen der Zeit erfolgreich zu behaupten und sich auszuweiten und wieweit der Islam die damalige Weltordnung nachhaltig änderte, das sind die Leitfragen, denen Berger umfassend nachgeht und diese Schritt für Schritt beantwortet.

 

 

Eine sehr interessante, sachliche und informative Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2016