C.H.Beck 2013
C.H.Beck 2013

Manfred Hildermeier – Geschichte Russlands

 

Umfassende und sehr gründliche Darstellung bis zur Oktoberrevolution

 

Knapp 1350 Seiten umfasst diese große Gesamtdarstellung der Geschichte Russlands, der damit einhergehenden sozialen Entwicklung und der kulturellen und gesellschaftlichen Grundlagen, die das russische Reich entscheidend geprägt haben (und bis heute nachwirken).

 

Natürlich geht es nicht um eine simple Erfassung der eher folkloristisch so genannten „russischen Seele“ im Werk, durchaus aber wird im Lauf der wechselhaften und vielfältigen Geschichte Russlands von Hildermeier deutlich herausgearbeitet, welche maßgeblichen Faktoren die „russische Mentalität“ geprägt haben und wie auch andererseits diese „Mentalität“ (im differenzierten Sinne des Wortes zu verstehen) wiederum geschichtliche Wendepunkte und Ereignisse in je konkrete Richtungen und Befindlichkeiten mit geführt haben.

 

Soweit verbindet Manfred Hiltermeier die gesamte Geschichte im Zeitraum des Mittelalters bis zur Oktoberrevolution, dass er abschließend fundiert eine „Neuberwertung der Rückständigkeit“ überzeugend darzulegen versteht, in der Hildermeier die „klassischen Thesen“ kritisch hinterfragt, durchaus den Kern beibehält, dass Russland sich selbst als über lange Perioden als „rückständig“ verstanden hat, spätestens seit Peter dem Großen auch offen formuliert. Deutlich benennt Hildermeier die in der Zarenzeit sich voll entfaltende und bis heute nicht überwundene absolute Zentralisierung als maßgeblichen Faktor. Ein Faktor, der autonome Entwicklungen und freie Entwicklungsanstöße aktiv unterdrückte.

 

„Europa hat Russland nie sonderlich wohlwollend behandelt“. Eine (west-) europäische Haltung, die zudem wichtige Pflöcke in die geschichtliche und soziale Entwicklung Russlands gesetzt hat. Ein „Aussondern und (teils) Alleine-lassen“ mit Folgen, auch wenn diese nicht bis zur sollständigen Ausgrenzung oder Abspaltung Russlands nach Asien hin führten.

 

Den zentralen Achsen folgend, legt Hildermeier fundiert und sehr detailliert die Geschichte Russlands vor. Zentralistische Herrschaft und ihre Entwicklung und Folgen, soziale Verfassung und gesellschaftliche Entfaltung, Wirtschaft, Industrie, Handel, Öffnung zu Europa hin, Konflikte und Kriege, Schritt für Schritt erwartet den Leser eine umfassende Darstellung mitsamt einem fast ausuferndem Literaturverzeichnis. Wobei die einzelnen Achsen immer wieder in ihrer Wechselwirkung mit dem Rest Europas gespiegelt und aufgezeigt werden. Deutlich wird, wie entscheidend die jeweiligen Beziehungen zu und mit Europa für die russische Entwicklung waren (und letztlich immer noch sind). Woraus auch für die Gegenwart Folgerungen ableitbar sind, wie auch viele der aktuellen inneren Entwicklungen Russlands und des Verhältnissen zu Europa und zur EU tief reichende historische Wurzeln besitzen.

 

Diese klare Struktur und die sehr intensive, teils auch kleinteilige Bearbeitung der wesentlichen „Entwicklungsachsen“ ist eine der großen Stärken dieses monumentalen Werkes, denn in dieser Form werden alle wichtigen Zusammenhänge verdeutlicht, die Wechselwirkungen benannt und die Entfaltung zwischen „Hinwendung“ und „fast Ausgrenzung“ zu Europa, aber auch innerhalb des geographisch riesigen Raumes des russischen Reiches selbst in den Mittelpunkt der Darstellung gerückt.

 

Wie schon die Bearbeitung der „Geschichte der Sowjetunion von 1917 – 1991“ ist es Manfred Hiltermeier ohne Zweifel auch mit diesem „vor gelagerten“ Werk gelungen, ein hervorragendes und baldiges Standardwerk der Geschichtswissenschaft vorzulegen.

 

M.Lehmann-Pape 2013