S.Fischer 2016
S.Fischer 2016

Mary Beard – SPQR

 

Umfassend und mit ganz anderem als gewohntem Ansatz und Aufbau

 

Zwar hält sich Mary Beard in ihrer umfassenden, fundierten, gut zu lesenden und unglaublich informativen, detaillierten Betrachtung der Geschichte Roms weitgehend an eine chronologische Abfolge (und das auch nicht immer). Doch ganz anders als gewohnt stehen nicht unbedingt immer konkrete Daten, Ereignisse oder bestimmte Personen im eigentlichen Mittelpunkt ihrer Schilderungen (auch wenn (fast) alles und jeder Erwähnung findet, teils auch sehr ausführlich).

 

Sondern im Kern hat sich Beard zur Aufgabe gesetzt (und diese glänzend erfüllt), dem Leser zu verdeutlichen, was Rom zur jeweiligen Zeit als Weltanschauung bedeutete, welche großen Linien der Politik und Strategie je zeitübergreifend ineinander fassten und welche (zur damaligen Zeit) „weltweiten“ Folgen sich daraus ergaben (und wie diese sich wieder im römischen Reich zur Stadt selbst rückkoppelten und neue Entwicklungslinien eröffneten).

 

So ist es folgerichtig, dass Beard in nur einem Kapitel (über 52 Seite hinweg) gleich 14 Kaiser (nach Augustus) in einem behandelt und betrachtet. Weil es eben nicht auf die einzelne Person ankommt (egal wie schwierig, genial, dekadent, egoman, der Republik zugewandt, nur den eigenen Interessen dienend oder sonst wie der einzelne Herrscher gewesen sein mochte). Sondern das „Kaiserreich“ des noch einigen und nicht in zwei Teile geteilten römischen Reiches stand „an sich“ für eine Haltung, für eine bestimmende Werteleiter und Entwicklungslinie, die Beard im ausführlichen Blick auf die „Umwälzungen des Augustus“ im Kapitel direkt davor intensiv und ausführlich vorlegt.

 

Nicht Caligula oder Nero oder andere „Caesaren“ mit ihren Eigenarten haben das Kaisertum „gemacht“, sondern im Übergang von Caeser zu Augustus vor allem ist eine der Zeitenwenden zu erkennen, in welchen sich die großen Linien der römischen Geschichte neu zusammenfügten. Und dann in je besonderer Weise sich ausprägten unter den einzelnen Herrschern (die Beard präzise auf den Punkt je zusammenfasst). Und auch diese Wende hatte ja ihre Vorgeschichte, ihre roten Fäden, die zu dieser Veränderung führten, die trotz des Mordes am „Tyrannen“ Julius Caeser den Weg bereiteten für eine „Einzelherrscher“.

 

Und das im Blick nicht nur „auf die da oben“. Im Gegenteil.

In sehr lebendiger Sprache und großer Breite schaut Beard auf Rom. Auf die Bürger, Sklaven, Fremden, Gefangenen, Geiseln, auf die bestimmenden Familien und die einfachen Bewohner, deren Leben „bestimmt wurde“. Wobei auch ein Blick „von außen“ auch nicht fehlt, denn Stadt Rom und römisches Reich haben schon früh ein, teilweise fast völlig voneinander abgekoppeltes, Eigenleben entfaltet.

 

Zudem, und das ist nicht zu unterschätzen: das, was in Rom entstand, sich wandelte, neu fand, wieder auseinanderging und anders sich zusammenfügte, ist keine „ferne Vergangenheit“, die in sich abgeschlossen in Ruhe eher wie ein Objekt betrachtet werden könnte.

 

Sondern in der vielfältigen und hin- und her sich bewegenden Geschichte, bis knapp zu Beginn des 3. Jahrhunderts hinein, die Beard zu ihrem Rahmen macht, wird deutlich, dass die inneren Kräfte, die wirkten und den Alltag vieler Menschen bestimmten, Kräfte darstellen, die auch heute wirken. Und sich in Teilen in direkter Linie auf das römische Reich zurückführen lassen.

 

„…denn unsere Weltsicht und unser Selbstverständnis sind bis heute wesentlich von Rom mitgeprägt, von der abgehobenen Theorie (Cicero, Horaz u.v.a.) bis zur anspruchslosen Unterhaltung („Brot und Spiele“ in den Arenen des Weltreiches). Auch nach zweitausend Jahren bildet es die Grundlage westlicher Kultur und Politik“.

 

Was Beard allerdings nicht „zwanghaft“ in ihren Darlegungen verfolgt, in dem sie beständig „moderne Bezüge“ heranführen oder herbeizwingen würde, sondern es gelingt ihr in viel interessanterer Weise, den Leser (auch mittels des flüssigen Stils) immer wieder „hinein zu nehmen“ in die „großen Linien“ und das „kleine Leben“ im römischen Reich über die Zeiten hinweg. Von der Gründung bis zur „allgemeinen Bürgerlichkeit“ im Jahre 212 unter Caracalla (auch dies eine ganz eigene Einteilung der „römischen Epochen“, welche die historisch üblicherweise gesetzten Zeitabgrenzungen anderes definiert).

 

Was aber in diesem Buch hervorragend passt, denn, so sagt es Beard, „es geht um die Frage, wie Rom so wachsen und seine Stellung so lange halten konnte, und nicht um den Verfall und Untergang des Römischen Reiches, falls es ihn denn je in dem Sinne gab…….“.

 

Eine andersartige Sichtweise, eine ganz eigene Gliederung der Geschichte Roms und eine sehr viel weitere Betrachtung „in das Volk hinein“, als es üblicherweise in Geschichtsüberblicken der Fall ist. Mit dem, was den Alltag ausmachte.

Gedichte schreiben und Hören, Vorträge besuchen, Aufführungen von Liebeskomödien genießen bei der römischen Elite und kämpfen um das tägliche Überleben auf der anderen Seite der römischen Bewohnerschaft mit Ausflügen in die (häufigen) ausgedehnten „Feierlichkeiten für das Volk“, auf den Straßen und in den Arenen.

 

 

Mit vielfachen Illustrationen versehen eine Lektüre, die einfach mit Freude zu lesen ist und zudem ein Mehr an Informationen durch einen anderen Blick je bietet, als andere Bücher zur Geschichte Roms.

 

M.Lehmann-Pape 2016