Klett-Cotta 2018
Klett-Cotta 2018

Michael Scott – Welten der Antike

 

Akribisch, detailliert und mit einer These verbunden, die am Ende nicht umfassend überzeugt

 

„Seit Karl Jaspers seine berühmte Idee von einer „Achsenzeit“ formuliert hat, haben mehrere Fachleute die Einheitlichkeit in Frage gestellt, die in dieser Periode eines aufgeklärten Wandels in den diversen antiken Kulturen erkennbar sei“.

 

Und doch gibt es verbindende Elemente jener Kulturen, die Michael Scott seiner Untersuchung zugrunde legt und deren innere Verbindung er im Sinne einer breiten, antiken globalen Vernetzung“ im Werk versucht, aufzuweisen.

 

Sei es die „direkte Demokratie“ Griechenland, die „gemischte republikanische Regierung“ (wie in Rom dann), sei es der „Entwurf eines disziplinierten Machthabers“, wie in Konfuzius für den chinesischen Bereich propagiert.

 

Auch wenn dies unterschiedlich wirkt (was Scott nicht in Abrede stellt), so wird er doch nicht müde, das Gemeinsame je zu suchen und zu betonen. Dass sich alle drei Kulturen einig waren über die zentrale Bedeutung „weiser Staatsmänner und Ratgeber“, wie Solon ihn darstellt und, zudem, legt Scott in allen drei Kulturen dar, dass es vor dem Ende des ersten Jahrtausends v.C. zur „Bündelung der Macht in den Händen eines Herrschers“ kam. Dass somit in allen drei Kulturen ähnliche bis gleiche Fragen grundsätzlich ähnlich und nur „im Finish“ differenziert beantwortet wurden.

 

Das und andere Argumente, die Scott minutiös zusammenträgt, sollen seine Annahme eines „vernetzten Weltgeschehens“ in der Antike stützen, bleiben am Ende aber doch zu vage und wirken zu weit hergeholt.

 

Sicher kann man die Handelsbeziehungen auch in den fernen Osten hinein ins Feld führen, aber was die Gegenwart an Informationsdichte und globaler Warenvernetzung erlebt, was an rascher Abfolge der Ideengeschichte in immer schnellerem Tempo Raum fordert, das kann zur damaligen Zeit schlichtweg aufgrund der Entfernungen und der kulturellen Fremdheit kaum angenommen werden. Dass aber andererseits Impulse der einzelnen Kulturen auch für die anderen Kulturen eine Rolle spielten, das bleibt sicherlich unbestritten und überaus gestärkt nach der Lektüre dieses Werkes im Raume stehen.

 

„Die offenen Märkte und der Wissensaustausch…versetzten Athen in die Lage, sich in Griechenland während des 6. Jahrhunderts an die Spitze seiner Konkurrenten zu setzen“.

 

Wohl aber eher und deutlich an jene aus der direkten und schnell erreichbaren Nachbarschaft, nicht der Austausch mit einem „anderen Ende der Welt“ wird hier maßgebend gewesen sein.

 

Dennoch ist es interessant, den vielen Informationen und teils überaus ins Detail gehender Darstellung Scotts aufmerksam zu folgen. Denn mit der „Politik einer Achsenzeit“ (Griechenland – Rom – China), dem ausführlichen Blick auf eine „Welt im Wandel – Und im Krieg“ und, abschließend, der sorgsamen Aufarbeitung eines „religiösen Wandels“ in einer (so Scott) „vernetzten Welt“ schreitet Scott jene Jahrzehnte und Jahrhunderte ab, in denen tatsächlich der „Moderne Weltgeist“ mitgeformt wurde und seine kulturellen Grundlagen erhielt.

 

Durchaus folgt man dem Autor gerne, wenn er die weitläufigen Handelsverbindungen verdeutlicht, die sich schon damals „über den halben Globus“ bewegten. Allerdings immer mit der Einschränkung, dass dies eben mit dem Begriff einer „globalen Vernetzung“ zu weit gefasst begründet wäre. Impulse, ja, aber parallele Entwicklungen in Griechenland, Rom und China, voneinander lernend und durcheinander angestoßen, dem fehlen im Werk die eindeutigen und konkreten Belege, bzw. werden Indizien von hoher Abstraktion angeführt, die ebenso auch anders verstanden werden könnten. Oder ganz allgemein auf fast jede Phase der Kulturgeschichte zutreffen würden.

 

In Stil und Sprache benötigt das Werk zudem eine hohe Konzentration und ist in weiten Teilen sehr theorielastig und trocken verfasst.

 

Am Ende aber bleibt es ein weiteres Nachdenken wert, wieweit Impulse und konkrete Situationen einer konkreten Zeit und eines konkreten Ortes die Atmosphäre einer Zeitebene aufnehmen und „verwandeln“, die auch an entfernten Orten noch ihre Wellen schlägt.

 

Weil in etwa ähnliche Entwicklungen einer Lösung auch dort warteten.

 

 

Vielleicht nicht in jener Fülle und keinesfalls so allgemeingültig, wie Scott propagiert, hat jener „Ideenaustausch“ stattgefunden, durchaus aber mag es zu gegenseitigen Anstößen schon damals in Europa und China gekommen sein, mit der „Seidenstraße“ als „Kommunikationskanal“.

 

M.Lehmann-Pape 2018