Knaus 2014
Knaus 2014

Monika Czernin – Das letzte Fest des alten Europa

 

Biographie und Erlebnis einer Epoche

 

„Das Sacher, das bin ich und sonst niemand!“.

 

Klare Worte und eine klare Haltung einer Frau, die wie kaum eine andere zu ihrer Zeit mit Selbstbewusstsein, Geschäftssinn, mit Charme und Witz in der „Gesellschaft“ zur Gründerzeit alles kannte, versorgte, was Rang und Namen besaß und ihr Hotel damit zu einer weltberühmten „Marke“ gestaltete.

 

Monika Czernin setzt diese herausragende Persönlichkeit mit ihren Ecken und Kanten zum Mittelpunkt ihres neuen Buches, das keine Biographie in klassischem Sinne darstellt, sondern in teils romanhaften Zügen vor allem auch ein Bild dieser Zeit intensiv und lebendig zu vermitteln versteht.

 

1930 ist Anna Sacher gestorben, Monarchie, Bälle, verschwiegene Treffen, Luxus, aber auch nah am Puls der Zeit in der gesamten Situation dieser Jahre und Jahrzehnte, all das findet seinen Weg in die Darstellung im Buch.

 

Die Gründerzeit, die Ringstraßenepoche, die Zeit des aufkommenden Liberalismus, eine  Zeit voll Wandel und zunehmender Geschwindigkeit.

 

„Leute, die damals nicht gelebt haben, werden es nicht glauben wollen, aber schon damals bewegte sich die Zeit so schnell wie ein Reitkamel….. Man wusste bloß nicht, wohin“.

 

So drückte es Robert Musil aus und davon kündet dieser biographische Roman.

 

Da darf natürlich der erste „Kontakt“ des damaligen Schahs von Persien zu dieser „auf der Zunge zergehenden  „Schokoladentorte, der „Sachertorte“ ebenso nicht fehlen (von Eduard Sacher kreiert). Ein Schah, der der Torte gar „den letzte Pfiff“ noch gibt, wie die „Zeichen der Zeit“ im Buch gebührlich ihren Niederschlag finden.

 

Karl Lueger, der Wien modernisierte, jene Stadt, die zur Jahrhundertwende bereits ein „Laboratorium der Moderne“ darstellte, in der das europäische Leben ebenso pulsierte wie im Paris jener Zeit. Luegers Programm des „kommunalen Sozialismus“ mit seiner neuen Bauordnung, der Verbesserung der Straßenpflege und der Hygiene in der Stadt machte die inneren Bewegungen nach außen sichtbar. Jene Veränderungen, die Anna Sacher mit gestaltete, die in ihrem „ersten Haus am Platze“ nah und fassbar wurden.

 

In dem sich alles, was Rang und Namen hatte, von den Monarchen über die Aristokratie, von einflussreichen Industriellen und Intellektuellen, von weltbekannten Künstlern bis zu wohlhabenden Bürgern traf.

 

Sensibel und doch zupackend geht Monika Czernin in all diesem vielfältigen Leben ihrer Hauptperson Anna Sacher nach und zeichnet ein differenziertes Bild dieser nach außen oft nur burschikos wirkenden, früh verwitwete Frau nach. Und legt ein besonderes Augenmerk auf das damals in seiner Blüte stehende Judentum in Wien, das im Sacher ein wohlwollendes Zentrum der Begegnung fand. Ein Wohlwollen, dass in vielen Teilen des „anderen Europa“ lange nicht so gegeben war.

 

 

Eine sehr flüssige, lebendig verfasste und kenntnisreiche Lektüre, die das Lesen allemal lohnt.


M.Lehmann-Pape 2014