C.H.Beck 2013
C.H.Beck 2013

Neil MacGegor – Shakespeares ruhelose Welt

 

Neuen Objekten auf der Spur

 

„Den Dingen wohnt ein Leben inne“, so könnte man MacGregors Herangehensweise an historische Objekte bezeichnen. Ein Leben, das MacGregor jeweils in seinen historischen Bezügen und in seiner Bedeutung dann auch für das Leben der Gegenwart durchaus fundiert und gut lesbar herausarbeitet.


Das hat er mit dem Vorgängerbuch unter Beweis gestellt, dem geht er in seinem neuen Werk in ähnlicher Weise nach, das als Fortsetzung oder besser Variation seiner „Geschichte der Welt in 100 Objekten“ zu verstehen ist

„Vom Charisma der Dinge bewegt, unternimmt dieses Buch zwanzig Reisen in eine vergangene Welt“.

 

Reisen, die zumindest je einen konkreten Anhaltspunkt in den Mittelpunkt der Betrachtungen stellen (wenn auch nicht immer nur materielle Objekte zum Zuge kommen, wie man an „Verrat und Verschwörung“ oder auch an der Verarbeitung der Pest sieht). Zudem geht MacGregor anhand der Stücke Shakespeares der Bedeutung (und des Charismas) des jeweiligen Objektes nach.

 

Ein kleines „Hintenherum“ allerdings ist schon zu konstatieren. Der glänzende Name Shakespeare wird doch letztlich auch als (werbewirksamer) Aufhänger genutzt. Wie MacGregor selbst betont: „Shakespeares innere Welt bleibt, so bitter das ist, im Dunkeln“. Die Lebenswelt, die Alltäglichkeiten, die Erfahrungen des Publikums zu Zeiten Shakespeares sind es, die MacGregor im Eigentlichen betrachtet und aus denen er wiederum Rückschlüsse auf das Theater und die (möglichen) Einflüsse auf Shakespeare selbst zeigt.

 

Was also war die Welt der Menschen zu Shakespeares Zeiten in England, für die er geschrieben hat?  Das ist die Leitfrage MacGregors.

 

Eine Welt, die z.B. durchaus für „Werbung“ empfänglich war („... dass wir zu denen werden können, die wir sein wollen, wenn wir nur die richtigen Dinge besitzen).

 

Sei es damals eine wertvolle Gabel, die verloren ging und die MacGregor betrachtet, sei es in der heutigen Zeit anderes an Objekten, aber mit der gleichen Grundhaltung. Das ist, was MacGregor immer wieder mit aufzeigt. Wie sich die Haltungen der Menschen ähneln, auch wenn Jahrhunderte dazwischen liegen und wie sich die konkreten inneren Befindlichkeiten historisch an konkreten Objekten Bahn brachen. Und hier fasziniert MacGregor weiterhin mit seiner Gabe, umfassend und auslotend einem Objekt in allen Facetten nachzugehen. Auch mit vielen Zitaten aus Shakespeares Stücken, in welchen MacGregor die Verbindungen zu den Objekten herstellt und aufzeigt, wie gesellschaftliche Strömungen sich im Werk des Dichters niederschlagen

 

Das müssen, im Übrigen, wie erwähnt, nicht nur materielle Objekte sein. In seinem Kapitel über die „Verschwörung“ geht MacGregor der Rezeption der Verschwörungsangst jener Tage in Shakespeares Stücken nach. Die „Zeitströmung“ des Verrates findet sich an vielen Orten in den Stücken, wie MacGregor vor Augen führt.

„Als Fakt und Furcht lebt der Verrat auch in seinen Stücken“. Verschwörungen, für die MacGregor einige wichtige historische Beispiele jener Zeit ausführlich aufführt.

 

Anders und sehr materiell dann wieder an anderer Stelle, an der „Ein Kelchglas aus Venedig“ MacGregor dazu dient, historische Sehnsuchtsorte (Venedig) mit modernen Sehnsuchtsorten (New York und „Sex in the City) zusammenzubringen und aus der Geschichte heraus wiederum eine menschliche Grundhaltung anhand eines konkreten Objektes zu erläutern, nicht ohne zu versäumen, wie solche  Sehnsuchtsorte vom Dichter mit verarbeitet wurden.

 

Das universale Wesen der Menschen und die konkret Ausformung dieses Wesens in jeder Epoche bindet MacGregor an historische Objekte und feste Vorstellungen von Zeitströmungen, zeigt die Rezeption dieser in Shakespeares Stücken auf und verschafft so einen profunden und lebendigen Einblick in die Alltagswelt vergangener Zeiten mit Impulsen bis in die Gegenwart hinein. Auch wenn der Bezug zu Shakespeare durchaus ein wenig gewollt erscheint und hier und da (wie bei „Othello“ in Bezug auf die Globalisierung) doch stark von  MacGregor in seine Richtung interpretiert wird.

 

M.Lehmann-Pape 2013