C.H.Beck 2015
C.H.Beck 2015

Neil MacGregor – Deutschland – Erinnerungen einer Nation

 

Breiter, thematischer Blick auf Geschichte und Kultur

 

„Deutschlands Geschichte ist also unvermeidlich fragmentiert, gleichermaßen bereichernd wie verwirrend. Natürlich existierte das starke Bewusstsein, zur gleichen Familie zu gehören, aber bis zur Reichseinigung von 1871 gab es nur ein unstetes Gefühl gemeinsamer Interessen“.

 

So sieht MacGregor in dieser umfangreichen, im Übrigen überaus reich und ungewöhnlich raumfüllend bebilderten (fast eher ein Bildband denn ein Textband zu nennen), Schau auf die „Erinnerungen einer Nation“ die Grundlage eben dieser Nation, eines Nationalgefühls und einer sich annähernden, dennoch aber in sich auch eigen bleibenden gemeinsamen Kultur.

 

Wo dieses Deutschland genau liegt, gerade in einer bis heute andauernden (auch wenn bereits stark geglätteten) Fragmentierung der Macht in Deutschland (die MacGregor sehr eingängig in den verschiedenen Instanzen und, vor allem, an den vielfältigen Münzen im „Heiligen Römischen Reich“ darstellt), die immer wieder kulturelle „Einzelinteressen“ zum Vorschein kommen lässt.

 

Wie sich durch die Reformation eine gemeinsame Sprache als überaus starkes Band entwickelte, wie ein geschlossenes Reich entstand, wie über die Aufklärung eine Geistes- und Kulturgeschichte mit „Weltruf“ und auch nach innen einigender Kraft sich entfaltete, all dies sind Stationen auf dem „Weg der Erinnerungen“, den MacGregor gerade auch sprachlich sehr flüssig (und dennoch fundiert) vor die Augen des Leser führt.

 

Immer mit dem Blick auch auf die Doppelbödigkeit dieser Geschichte. Wie MacGregor am Beispiel des Münchner Tores erläutert:

„Wie die Bögen in London und Paris auf Augenblicke der größten Erfolge zurückblicken……da spricht das Münchner Tor von bediem: von gloriosen Anlass seiner Errichtung und von den Umständen seiner späteren Zerstörung….steht der ursprünglich feierlichen Absicht eine eher quälende Erinnerung an Niederlage und Schuld gegenüber“.

 

Die Vergangenheit also hält Lehren bereit, die verantwortlich gesehen und genutzt werden müssen, um die Zukunft zu formen. Eine Reibung, eine Diskrepanz, die gerade nach 1945 kulturell formend und gesellschaftlich bewegend einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung „der Nation“ genommen hat.

 

Aufgrund der Fülle des Stoffes und des zeitlichen Umfanges der Betrachtung (vom Anfang des „Deutschen“ bis in die Gegenwart hinein) verbleibt MacGregor allerdings in vielen Bereichen im rein beschreibenden Habitus. Differenzierungen, Vertiefungen bestimmter politischer oder gesellschaftlicher Strömungen sind von diesem schweren und umfangreichen Band nicht zu erwarten. Wohl aber ein breiter, weiter, illustrierter und illustrierender Blick auf die Vielfalt der „Erinnerungen“, die Ereignisse wieder ins Gedächtnis rufen, ob der Fülle an geistiger, geistlicher und, vor allem, technischer Entfaltung in Deutschland wieder einmal Staunen lassen.

 

Eine anregende Lektüre, die als kulturgeschichtliche Beschreibung vielfältiger Stationen und Errungenschaften jener geographischen und kulturellen Gegend, die man in verschiedener geographischer Form Deutschland nennt und nannte, eingängig zu lesen ein umfassendes Bild der Vielfalt vermittelt.


M.Lehmann-Pape 2015