C.H.Beck 2014
C.H.Beck 2014

Olaf Jessen – Verdun 1916

 

300 Schlacht-Tage

 

„Fest und treu steht die Wacht am Rhein“.

Das war zu Kriegsbeginn eine der durchschlagenden  deutschen Parolen. Und ganz anders als in solch mythischer Überhöhung gedacht, stand tatsächlich in diesem Krieg (fast) alles lange still.

 

Stellungskrieg, zermürbendes Verbluten um ein paar Meter Raumgewinn oder Raumverlust. Ein Zustand, das belegen die aktuellen Auswertungen der Quellen, die aktuelle historische Diskussion und die Darstellung Jessens im Buch, der durch Verdun beendet werden sollte.

 

Die feststeckenden Fronten auflösen, einen „Bewegungskrieg“ wieder initiieren, in die Offensive gelangen, vielfach und sehr akribisch und fundiert legt Olaf Jessen in diesem Buch nicht nur die Schlacht und deren Verlauf dar, sondern zeigt die Überlegungen und Ziele vor der Schlacht auf, wie er auch ebenso sorgfältig den weiteren Folgen der Schlacht (auch den durch Verdun 1916 beschleunigten Eintritt der USA in den Krieg) nachgeht.

 

Die längste Schlacht der Weltgeschichte, das „Sinnbild des totalen Krieges“ mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Über 700.000 gefallene Soldaten, „furchtbarer als die Hölle“.

 

Verdun 1916 ist einer der entscheidenden Wendepunkte der „Urkatastrophe“ des ersten Weltkrieges mit all seinen Folgen für die Neuordnung der Landkarte Europas, die Entstehung der Sowjetunion, die Vorbereitung des Bodens für den zweiten Weltkrieg.

 

Die „Urschlacht des Jahrhunderts“, wie Jessen diese 300 Tage benennt.

Eine Schlacht, die nicht nur im Blick auf die hundertausendfachen einzelnen Menschenleben unfassbare Folgen hatte, sondern in der auch eine nie zuvor erlebte Materialschlacht tobte, den Krieg auf eine ganz andere Ebene hob, die moderne Luftwaffe in ihrer Entwicklung entscheidend anstieß und für starke Verschiebungen auf politischer Ebene und jener der Heerführung beider Seiten sorgte.

 

All dies legt Jessen dem Leser intensiv und sehr verständlich argumentiert und verfasst vor Augen. Dabei geht er auch auf die zivilisatorische Bedeutung der Schlacht ein. „Vorher Licht – nachher Schatten“, mithin der „Abschluss des bürgerlichen (zivilisierten) Zeitalters“.

 

Und es ging nicht um die Idee einiger Heerführer (wie derer eines Erich von Falkenhayn vom „Verbluten der französischen Armee“), es ging um den „unmenschlichsten strategischen Plan des ganzen Krieges“.

 

Was aber genau ging vor in der deutschen Heerführung`? Warum nahm die französische Seite überhaupt diese Schlacht in dieser Form an?

 

So schaut Jessen auf den gut 400 Seiten sorgfältig hinter die Kulissen, wechselnd beständig die Perspektive und zeigt auf, dass hier durchaus strategische Planung in zivilisatorischer Perversion wirkte, dass die „Schlächterei“ keine „geistlose“ war, wie Sebastian Haffner formulierte, sondern durchaus von kühler Überlegung angegangen wurde.

 

„Wir müssen mehr Feinde töten, als die von unserer Seite töten können“, das ist mit eines der Denkmuster, an dem sich die Grenzen humanistischen Denkens aufzeigen, das nicht erst seit 1916 und nicht nur bis 1918 die Geisteshaltungen Europas mit prägte.

 

Von den Plänen über den Aufmarsch, das wogende hin und her, die Zermürbung über die entscheidende Krise bis zur letzten Entscheidung und das Nachspiel dieser Schlacht findet der Leser im Buch in bester Form den aktuellen Stand der Quellenauswertung und eine klare Positionierung Jessens in der historischen Bewertung, die das Buch zu einer sehr empfehlenswerten und beeindruckenden Lektüre gestaltet.

 

 

Viel mehr schwingt in den Interpretationen und Darstellungen mit, als nur eine Beschreibung jener 300 Tage. Und das in jederzeit flüssiger und verständlicher Darstellung in Form und Stil des Buches und mit außerordentlich breiten Literatur- und Quellenverweisen versehen.

 

M.Lehmann-Pape 2014