Berlinverlag 2014
Berlinverlag 2014

Orlando Figes – Der Krimkrieg

 

Brisant und hochaktuell

 

Das sich die politische Lage in der Ukraine und speziell auf der Krim in dieser brisanten Form entwickeln würde, in der sie nun sorgenvoll vor allem von Europa aus betrachtet wird, war sicherlich nicht unbedingt während der Verfassung dieses Werkes durch Figes abzusehen.

 

So aber liegt diese geschichtliche Betrachtung nun mit großer Aktualität versehen zur rechten Zeit vor und bietet dem Leser einen breiten, umfassenden, tiefen und fundierten Einblick in die Ursachen der gegenwärtigen politischen Situation. Ein Einblick, der überhaupt erst einmal die „Fakten der Krim“ erläutert. Eines Landzipfels, der, trotz seiner hohen strategischen Bedeutung für den Zugang Russlands und seiner militärischen Flotte „zum Westen hin“ vielfach ein „unbeschriebenes Blatt“ darstellt.

 

1853 bis 1856 tobte der „Krieg um die Krim“, Russland gegen die heutige Türkei und deren Verbündete  England und Frankreich.

 

Ein Krieg schon damals der Systeme und der „Welten“, vordergründig versehen mit der religiösen Begründung des „Schutzes der Christen“ gegenüber dem Islam, der vorherrschenden Religion des osmanischen Reiches. Wie schon die damalige Begründung der „zu verteidigenden Schutzzone“ erstaunliche Parallelen zur Gegenwart aufweist (der Schutz der „russischen Minderheit“ auf der Krim) und als „vorgeschobener Grund“ zu bewerten ist, arbeitet Figes in diesem Buch dabei genauso heraus, wie die damals eigentlich sicher gedachte enge Verbindung zu Russland, die sich als bei Weitem nicht so eng, wie gedacht, herausstellen sollte. Auch dies eine Parallele zur gegenwärtigen Lage Europas Russland gegenüber (und umgekehrt). Ebenso wie, auf anderer Seite (Frankreich) offiziell „Gründe“ benannt wurden (ebenfalls religiöse), die nicht mehr als eine Makulatur vor handfesten strategischen Interessen an der Krim darstellten.

 

Das ist in langen Phasen sehr spannend zudem zu lesen und sehr flüssig formuliert, wie Figes der „äußeren“ Machtansprüche auch die inneren, militärischen Möglichkeiten vor Augen führt. Die „Moderne“ (West-Europa) auf der einen Seite und die Verhaftung in der Vergangenheit (auch militärisch) auf russischer Seite.

 

Eine Konstellation, vielleicht nicht unbedingt auf das militärische bezogen (wobei das so genau nicht eingeschätzt werden kann), die in der Gegenwart ebenfalls zumindest als Vorurteil mitschwingt. Zwischen dem wirtschaftlich dynamischen und technisch fortschrittlichen Westen und dem fast oligarchisch strukturiertem Russland und seiner Verhaftung auf der Stärke „alter Mittel“, der Bodenschätze.

 

1856 endete der Krimkrieg mit der Niederlage Russlands, einem schweren Schlag für das (europäische) Selbstbewusstsein des Landes, die nicht zuletzt für viele der folgende n innenpolitischen Entwicklungen und außenpolitischer Abgrenzung bis Isolation mitverantwortlich zeichneten.

 

Figes geht diesem Konflikt mit seinen inhärenten Parallelen zur aktuellen Situation Schritt für Schritt nach, zeigt die Ursachen des Krieges und die verschiedenen Motivlagen gründlich auf, verweist detailliert auf die militärischen Unterschiedlichkeiten und damit auf den ersten „Krieg mit modernen Mitteln“ gegenüber der „alten Kriegsführung auf russischer Seite“ und erläutert sehr verständlich die Folgen dieses Krieges.

 

Ein in sich schon anregend zu lesende Buch, das unter den aktuellen Vorzeichen noch einmal an Brisanz gewinnt und dem Leser ein fundiertes Wissen über die Verhältnisse zwischen Russland und Europa bis in die Moderne hinein eröffnet.

 

M.Lehmann-Pape 2014