KLett-Cotta 2011

Peter Heather – Invasion der Barbaren

 

Neuordnung der europäischen Welt im ersten Jahrtausend

 

16 Jahre lang hat Peter Heather an diesem Werk geschrieben, wie er im Vorwort als erstes erwähnt und dies liegt mit Sicherheit auch daran, dass das Thema dieses Arbeitsbuches zeitlich und räumlich eine hohe Breite aufweist. Um nichts weniger als die Entwicklung Europas im ersten Jahrtausend nach Christus geht es mitsamt der, für damalige Verhältnisse, Welt verändernden Ereignisse.

 

Eine Fülle von detaillierten Informationen aus allen Richtungen Europas (und auf allen Ebenen) legt Heather auf den gut 550 Textseiten des Buches vor. Dies nicht in epischer Breite beschrieben (wie auch bei einem solch umfassenden Thema), durchaus aber mit jeweils notweniger Tiefe vorliegend. Zudem, und das rechtfertigt eine besondere Erwähnung im Blick auf ein Fachbuch, schreibt Heather im Stil flüssig, mit (für historische Sachbücher eher ungewohntem, aber leicht verständlichem) modernem Sprachgebrauch und immer wieder geschichtlich auflockernd, so dass die Erarbeitung der Inhalte keine Sonderanstrengungen erfordert.

 

Grob in zwei Teile lässt sich  das erste Jahrtausend nach Christi unterteilen und ebenso grob kann man diese Zweiteilung im Buch thematisch wiederfinden. Unter dem ständigen Augenmerk auf die Migration ganzer Volksstämme in Europa in andere Landschaften und Lebensumstände hinein findet sich zunächst der jahrhunderte andauernde Niedergang des römischen Imperiums bis zu dessen Auflösung. Im Buch sind dies gut die ersten 300 Seiten. Auf denen Heather sauber herausarbeitet, dass es, nicht nur, aber im Wesentlichen auch, die Bedrängung durch die diversen „Barbarenstämme“ waren (diese lagen allerdings ebenfalls untereinander jeweils in Konflikten und verfolgten nicht als primäre Ziel die Absicht der Zerschlagung des römischen Imperiums, auch wenn die Volkswanderungen der ersten Jahrhunderte einen gewichtigen Teil zur Auflösung der alten Ordnung beitrugen). 476 war das Ende des weströmischen Reiches durch Absetzung des Kaisers Romulus Augustus besiegelt, eine Neuordnung Europas im Westen und in den slawischen Ländern nahm nun zunehmend Formen an.

 

Getrau des grundsätzlichen Objektes seiner Untersuchungen, den Ursachen und den Auswirkungen der diversen Migrationsbewegungen, vollzieht Heather nicht im einzelnen die Ursachen des Untergangs Rom nach, sondern legt sein Augenmerk allezeit auf die verschiedenen Volksgruppen und ihre konkrete Geschichte. Untereinander und auf sich gestellt. Reichsgründungen, Konflikte, Kriege, Abwehr der Hunnen, Aufstieg und Niedergang ganzer Volksgemeinschaften inklusive der gegenseitigen Beeinflussung auch auf sozialer und kultureller Ebene. Barbaren, Slawen, Wikinger finden ihren Würdigung im Buch ebenso, wie die erste so zu nennende „europäische Union“ am Ende der betrachteten Zeit. In den letzten beiden Jahrhunderten des 1. Jahrtausends nach Christus entfaltete sich (in kulturell durchaus großer Ähnlichkeit) ein Europa, wie es bis in die Moderne noch, was die Volksgruppen angeht, Bestand hat . Wie diese neuen Staatsgebilde entstanden waren und was sie auszeichnete, die Betrachtung dieses Prozesses auf dem Hintergrund des Einflusses der Migration, schließt das Buch inhaltlich ab.

 

Ein ausführlicher Kartenteil und ein umfassendes Literaturverzeichnis runden das Arbeitsbuch sodann formal in bester Weise ab.

 

Durch die Jahrzehnte und Jahrhunderte hindurch, von den „Römern“ über die „Barbaren“ hin zu den „Slawen und Skandinaviern“ zeichnet Heather fundiert die wechselvolle Geschichte des 1. Jahrtausends in Europa nach und legt allzeit den Kern seiner Betrachtungen vor. Inwieweit, aufgrund welcher Entwicklungen und mit welchen konkreten Folgen Bewegungen ausgeprägter Migrationen die Neuordnung eines ganzen Kontinents entscheidend mit beeinflusst, unter Umständen gar verursacht, haben.

 

Ein interessantes und gründlich erarbeitetes Buch, in dem die Dynamik der europäischen „Völkerwanderungen“ hervorragend eingefangen wird. Ein Buch, das nicht nur für Historiker von Interesse ist, sondern aufgrund des verständlichen und gut lesbaren Sprachstils auch dem interessierten Laien ein Gewinn sein wird. Durchaus mit Impulsen für allzeitige (und damit auch gegenwärtige) Migrationsdebatten, zu denen Heather selbst des Öfteren Verbindungen zu ziehen weiß).

 

M.Lehmann-Pape 2011