Hanser 2014
Hanser 2014

Philipp Blom - Die zerrissenen Jahre 1918-1938

 

Das Taumeln der Welt zwischen den Kriegen

 

Die "alte Ordnung" hatte sich gewissermaßen selbst zerstört, gipfelnd im Geschehen des ersten Weltkrieges (was Blom bereits intensiv aufgearbeitet hat).

 

Nun war eigentlich der Weg frei für eine neue Weltordnung, für Demokratie und Freiheit, für ein Zusammenrücken der Völker und ein kulturell-gesellschaftliches Aufatmen.

 

Doch intensive, merkwürdige, einfach tatsächlich "zerrissene" Jahre sind es, die folgen werden und die Blom sprachlich wunderbar verständlich und in Teilen wie im Stil eines Romans nun dezidiert betrachtet.

 

Offenheit und "freies Leben" (die "wilden 20er", Flappers, Swing, Jazz, freie Wahlen) stehen auf der einen Seite der Entwicklung.

Das Durchkommen durch das tägliche Leben, geistige Enge, Hetze, Entstehung radikaler politischer Kräfte auf beiden Seiten des politischen Flügels, Zusammenbruch der Wirtschaft, Hyperinflation, Rassismus, all dies findet sich auf der anderen Seite der Entwicklung.

Stark reibende, aneinander reißende, gegenteilige Kräfte.

 

Eine Reibung, der Blom in ruhigem Ton Schritt für Schritt nachgeht und so diese 20 entscheidenden Jahre für die Geschichte nicht nur Europas minutiös offen legt.

 

Wie sehr er dabei Wert auf die inneren Befindlichkeiten der Zeit, auf die kulturelle Entwicklung legt, das zeigt schon der Beginn des Buches, in dem Blom den Jazz in den Mittelpunkt stellt. Mamie Smith und ihr "Crazy Blues", der, und das war neu, sich in weißen und schwarzen Haushalten gleich gut verkaufte, der mit dazu beitrug, ein anderes, frischeres, aber auch innerlich hektischeres Lebensgefühl zu etablieren.

 

Diese  Musik "klang wie die implizite Aufforderung zu mehr Lebensfreude". Zu einem Zeitpunkt, als die vormals ordnende Kräfte und Mächte ihrerseits geschwächt waren.

 

Es folgten eben nicht nur die "wilden 20er" Partyjahre, es folgten Revolutionen, Splittergruppen, Hunger, Emigration, begleitet vom ständigen massiven Misstrauen zwischen den Nationen.

 

Beileibe nicht nur in Deutschland folgte aus diesen Zusammenbrüchen ehemals verbindender und ordnender Werte eine latente Bereitschaft für eine "starke Kraft", all dies steht in einem global zu nennenden (was die damaligen Weltmächte anging) Rahmen, in dem vieles "Zerrissene" einander bedingte, aufeinander Einfluss nahm und an den verschiedensten Ecken der Welt sich Ausdruck verschaffte.

 

Ein Gesamtzusammenhang, den Blom bestens darlegt, der flüssig verfasst vor den Augen des Lesers überzeugend entsteht. Seien es die ideologischen Unversöhnlichkeiten (die sich handfest Ausdruck verschafften) zwischen "Rechts" und "Links" in Deutschland und anderen Teilen Europas, seien es die Spannungen zwischen schwarz und weiß in Amerika (eine überwindende Kraft besaß der Jazz nun nicht), sei es das Gefälle zwischen Reich und Arm, nichts mehr war nach 1918 wirklich in Ordnung.

 

All diese historischen Fakten, die in der ein oder andern Form natürlich bereits Teil verschiedener Betrachtungen waren, im Gesamtzusammenhang zu sehen, chronologisch Jahr für Jahr abzugehen und dabei diese rote Linie der "Zerrissenheit" und ihrer sichtbaren historischen Zeichen nicht aus den Augen zu verlieren, das ist die Stärke dieses Buches in dem Blom erkennbar auch einen Schwerpunkt auf die amerikanische Kulturgeschichte jener Zeit setzt. Was sich letztendlich als Vorteil herausstellt, denn der eurozentrische Blick, vor allem der auf das Deutschland jener Jahre, der ist nun wahrlich bereits sattsam besprochen.

 

 

Eine sehr informative und auch im Stil sehr flüssige Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2014