C.H.Beck 2017
C.H.Beck 2017

Pieter M. Judson – Habsburg

 

Imperium „aus einem Guß“

 

Es ist in diesem Fall von Vorteil, wenn ein Historiker eines anderen Kontinents sich eines „ur-europäischen“ geschichtlichen Themas annimmt.

 

Das Habsburger Reich, die k.u.k. Monarchie, einst flächenmäßig weit ausgedehnt, eine Vielzahl von Kulturen in den Grenzen vereinend und eine, seltene, Symbiose von Volk und Kaiser, wie Judson ganz hervorragend, fundiert und akribisch nachweisen kann.

 

Von 1740 bis zu den unseligen, politischen und machtorientierten „Verwirrungen“ mit all ihren Fehleinschätzungen über mögliche Reaktionen, vor allem aber Kampfbereitschaft und Stand der Mobilität der Gegner der Jahre des ersten Weltkrieges, offiziell auch „Auslöser“ dieses Dramas der Menschheit, endend mit dem Jahre 1918 und dem Verlust an allen Fronten, zeichnet Judson eins ehr lebendiger, auch im Stil überaus gut zu lesendes Bild der „Donaumonarchie“. Bei deren Darstellung Judson allein schon die kluge Entscheidung trifft, Orte nicht nur mit „geläufigen“ westlichen Namen zu benennen, sondern zudem auch mit jenen Namen zu versehen, die damals in den verschiedenen Sprachen geläufig waren. Damit entzieht Judson einseitigen nationalistischen Tendenzen von Beginn an den Nährboden und bietet eine breitestmögliche Objektivität der Schilderungen.

 

Und wenn Judson dann von den ersten, breiten Wahlen berichtet und klarstellt, wie eng einerseits die Herrschenden an der Macht zu bleiben gedachten, wie breit aber auch wie Wahlbeteiligung war, wie hitzig (bis zu Toten hin) es zuging, dann zeigt sich daran, wie eng „das Volk“ politisch und emotional mit „dem Reich“ sich verbunden fühlte, Was nicht nur an der Person des „patriarchalisch-milden“, „ewigen“ Kaisers lag, der dennoch eine hohe Form von corporate identity verkörperte.

 

„Für viele Österreicher war das Reich eine alternative Quelle symbolischer und realer Macht…(die) sich zumindest mäßigend auf sie (die örtlichen Eliten) auswirken konnte“.

 

Eng verbunden war das Volk mit seinem Reich und den Repräsentanten an oberster Stelle. Eine „immense“ kulturelle und soziale Bedeutung hatte dieser „Lebensrahmen“. Und das ist, was Judson durch alle Etappen der konkreten habsburgischen Geschichte hindurch in ihrer Entwicklung, in ihrer Bedeutung zur „Hoch-Zeit“ und in ihrem Abbruch mit dem Ende des Reiches aufzeigt.

 

Wobei jede dieser geschichtlichen Etappen sorgfältig und umfassend im Buch dargestellt werden.

 

„jeder dieser Meilensteine in der Geschichte des habsburgerreiches ist wohlbekannt“. Judson folgt dabei im Aufbau der klassischen historischen Periodisierung dieser „Meilensteine“. Mit der Ausnahme der „Erklärung dieser Meilensteine“. Denn hier schreibt Judson immer und immer wieder „der Gesellschaft“, oben und unten, „dem Volk“ eine „wesentliche Mitwirkung“ am Zustandekommen und am Ausgang der „Wendemarken“ der Reichsgeschichte zu. Und gibt so eine ganz eigene, andere, ungewohnte, in sich aber sehr schlüssige und kompakte Erklärung, warum die innere und äußere Entwicklung des Reiches genauso und in allen Bevölkerungsschichten breit getragen stattgefunden hat.

 

Sei es dabei die Rechts- und Sozialgesetzgebung schon vor der französischen Revolution, die Sicherheit gab, sei es deren Ausweitung mit dem inhärenten Versprechen staatsbürgerlicher Gleichbehandlung auch von Frauen im frühen 19. Jahrhundert, die Ideen von „Gleichheit“ und „patriotischer Verbundenheit gleichermaßen ist jener „Klebstoff“, dass das Habsburger Reich im Inneren so weitgehend homogen zusammenhielt.

 

Eine sachgerechte, hervorragend geschrieben und mit genau jener neuen Idee versehene historische Betrachtung, die das Werk zu einer empfehlenswerten und überaus anregenden Lektüre gestaltet.

 

 

M.Lehmann-Pape 2017