Klett-Cotta 2012
Klett-Cotta 2012

Robert Knapp – Römer im Schatten der Geschichte

 

Jenseits von Senat, Lorbeerkranz und großer Politik

 

Interessant und aufschlussreich, durchaus ein Tipp, mit diesem Teil des Buches zu beginnen, ist zunächst durchaus der gesammelte, kleine Bildteil in der Mitte des Buches. Jene Orte eben, an denen „die ganz normalen Leute“ im römischen Reich lebten. Jene Menschen, auf denen letztlich das gesamte Reich beruhte, die mit ihrer Hände Arbeit die Ressourcen bereit stellten, die ein Weltreich in hohem Masse braucht. Schmiede, Tierfänger, Sklavenhändler, Hebammen, Bauhandwerker, Bauern, Tagelöhner, Fischer, nebenbei noch mit einem Blick auf die religiösen Traditionen und, fast gegenteilig, dem auf die Prostitution versehen.

 

Dieser eher kleine Bildteil verweist bereits auf die Vielfalt des alltäglichen Lebens der „normalen Leute“ im römischen Reich. Auf den Arbeitsalltag, das Familienleben, aber auch auf die Zerstreuung, beim einfachen Würfelspiel auf dem Markt bis hin zu den „großen“ Spielen in den Amphitheatern und Stadien.

 

Der emeritierte Professor für Alte Geschichte der Universität von Kalifornien in Berkeley wendet sich diesem alltäglichem Leben, diesen „ganz normalen“ bis hin zu den „kleinen Leuten“ Roms zu. Jenen Menschen, die, wie Knapp es ausdrückt, „von der Geschichte vergessen wurden“. Aber eben doch letztlich jene, welche die „Geschichte getragen“ haben. Die Masse der Menschen, meist gesichtslos, die für den reibungslosen Ablauf des römischen Alltags sorgten. Ein Blick auf den Alltag, der sich nicht auf Rom als Zentrum des Imperiums beschränkt, sondern den Blick durchaus für das gesamte römische Reich weitet. Interessant zu lesen ist, dass sich der „römische Charakter“ gerade an Randbereichen des Reiches stark manifestierte, das gerade auch da, wo nicht Latein als Umgangssprache diente, römisches Leben und Traditionen den Alltag stark (und gewollt) mitbestimmten.

 

Im Konkreten definiert Knapp die Zielgruppe seiner Darstellung auf jene Bevölkerungsgruppe von „Freien“, die unterhalb der Oberschicht (von 50-60 Millionen Einwohnern des Reiches waren gerade einmal etwa 5000 Personen reich genug, zur Oberschicht zu zählen) standen, aber durchaus oberhalb der meist mittellosen Tagelöhner oder Bauern anzutreffen waren.

 

Seien es nun die „gewöhnlichen Männer in der Mitte“, oder das je weibliche Pendant, sei es ein differenziertes Blick auf den täglichen „Kampf ums Überleben“ der Armen im Reich, all dies schildert Knapp sachlich-nüchtern, teils sehr trocken, in seinem Buch durchaus fundiert recherchiert und durchaus dann vorstellbar. Er spart das Leben der freigelassenen Sklaven nach der Freilassung dabei ebenso wenig aus, die das des einfachen Soldaten. Prostituierte, Gladiatoren, Banditen und Piraten ergänzen die Darstellung, hier allerdings muss man anfragen, ob dieser Bereich noch jenem der „Mitte der Gesellschaft“ der damaligen Zeit entsprach (am ehesten wohl noch die zahlreichen Soldaten und das Versorgungsumfeld), oder ob Knapp hier doch eher Randgruppen mit aufgenommen hat, die zwar das Gesamtbild mit Farbe noch versehen, gerade im Blick auf Banditen und Piraten aber vielleicht doch nicht ganz den „Alltag des einfachen Bürgers“ abbilden.

 

Informativ, fundiert, nachvollziehbar einerseits gelingt Knapp durchaus sein Ziel, das „einfache Leben“ derer abzubilden, die „von der Geschichte vergessen wurden“. Andererseits erfordert der eher trockene, wissenschaftliche Stil doch einiges an Aufmerksamkeit und Geduld. In weiten Teilen aber ergibt die Lektüre des Buches ein sehr differenziertes Bild des Lebens im römischen Reich und bietet mancherlei neue Informationen.

 

M.Lehmann-Pape 2012