Klett-Cotta 2016
Klett-Cotta 2016

Roland Steinacher – Die Vandalen

 

Fundiert, umfassend und differenziert

 

Es gibt nüberschaubar viele wichtige Daten der Weltgeschichte und ebenso viele wichtige und einflussreiche Gestalten derselben.

 

Anders aber schon sieht es aus, wenn man den Begriff „Zeitenwende“ zu Grunde legt.

Dann reduzieren sich vielfach Daten und Ereignisse auf einige wenig, aber umso nachhaltiger die Welt verändernde Momente.

 

Der Untergang des römischen Reiches als politische und militärische Großmacht spätestens 406 n.c. durch den „Barbarenstamm“ der Vandalen mitsamt der lückenlosen Eroberung des West-Römischen Gebietes mitsamt der Stadt Rom, ist eindeutig eine solche „Zeitenwende“, innerhalb derer die politischen Verhältnisse ganz Europas neu ausgerichtet wurden.

 

Eine Neuausrichtung, ein Übergang von der „Spätantike in das Mittelalter“, den Franken, Goten und eben, maßgeblich der Stamm der Vandalen entscheidend verursacht und getragen haben.

 

Roland Steinacher wendet sich im Hauptteil des vorliegenden Werkes diesen Vandalen zu und beruft sich dabei in weiten Teilen auf die vorliegende schriftliche Überlieferung zur Geschichte der Vandalen, die von der Mitte es ersten Jahrhunderts nach Christi bis in die Mitte des 6. Jahrhunderts in etwa 500 Jahre überspannt.

 

Wobei Steinacher diese Geschichte sehr klar strukturiert, aber auch in bisweilen oft vernachlässigter Weise aufarbeitet. Denn der Einfluss und das Ergehen der Vandalen in Afrika, die wichtige Phase in Spanien, der eben nicht nur europäische, sondern auch der außereuropäische Teil der Geschichte dieses germanischen Stammes, findet ebenso seinen Niederschlag im Buch, wie die „engere“ Geschichte im Rahmen der Völkerwanderung und der Eroberung Roms selbst. Zu einer Zeit, in der das römische Reich bereits breit diffundierte und in sich zerfaserte.

 

Dennoch ist die Geschichte der Vandalen im Grundsatz, wie Steinacher verdeutlicht, vor allem immer auch römische Geschichte, denn lange dauerten die Verbindungen und Vermischungen zwischen Vandalen und Rom. Nicht wenige Vandalen machten Karriere in der römischen Armee, bis sich Anfang des 5. Jh. die Verhältnisse dramatisch änderten. Dabei spielten die Übernahme der Macht in Afrika und die Ausweitung der Macht der Anführer (beginnend unter rex Geiserich) wichtige Rollen bei der stetigen Ausbreitung der Vandalen.

 

Wie aber genau diese Gemengelage sich ergab, wie aus „römischen Barbaren“ „fremde Eroberer“ wurden und, vor Allem; was sich im Laufe der darauffolgenden Jahrhunderte als eine eigene „vandalische Identität“ sich herausbildete, in welchen Strukturen die Herrschaft der Vandalen intern und extern organsiert war, all das legt Steinacher verständlich formuliert und überzeugend argumentiert im Buch Schritt für Schritt vor.

 

Wie aus dem, zwar schon geschwächten, aber noch organisatorisch vereinigten weströmischen Reich das fränkische Gallien, die spanischen Westgoten und eben die afrikanischen Vandalen als „neue Mächte“ sich entwickelten und was dies für die spätere Entwicklung Europas durch das Mittelalter hindurch bis zur Neuzeit bedeutet, das ist hochinteressant zu lesen und nimmt den Leser mitten hinein in eine zwar vergangen, bis heute aber nachwirkende hoch-lebendige Phase der Geschichte.

 

Von den Namen und der Frühgeschichte der Vandalen über die Ausbreitung bis nach Afrika im Rahmen der Völkerwanderung, von der Konsolidierung der Eroberer als „Könige von Karthago“ bis hin zur Darstellung der straff organisierten Organisation dann in Karthago, von Vorurteilen (Dekadenz oder Keuschheit? Vandalen als „Verwüster“?) hin zu innervandalischen Aufständen. Die Ereignisse nach dem vierten punischen Krieg werden dabei ebenso ausführlich beleuchtet, wie die „Machtübergabe“ nach dem Tod Geiserichs und die dann folgenden Abläufe eines auch „Hin- und Her“ im politischen Sinne, bis hin zu einem „schnellen Sieg und einem langen Verlust des Friedens“ ab 533 n.C..

 

Wie es „nach den Vandalen“ sich verhielt und welche inneren Bedeutungen der „Vandalen-Name“ in Mittelalter und Neuzeit erhielt (teils auch zu Unrecht), bildet dann den Abschluss dieses umfassenden und einen Standard in Bezug auf die Geschichte der Vandalen setzendes Werk.

 

 

Eine Lektüre mit hoher Qualität und umfassendem Informationsgewinn.

 

M.Lehmann-Pape 2016