Klett-Cotta  2016
Klett-Cotta 2016

Simon Hall – 1956

 

Zentrale Ereignisse im Kampf um die Freiheit

 

Es lief weltweit um. Aufbruchzeit. Das Ringen um Freiheit in vielfacher Hinsicht, politisch und kulturell.

 

In den Augen Simon Halls kulminieren viele dieser Ereignisse in einem Kalenderjahr, 1956. Sozusagen das Jahr, in dem die moderne Form innerer und äußerer Freiheit ihre entscheidenden Schritte vollzogen hat.

 

Sei es kulturell Elvis, der 1956 große Erfolge feierte, weltweit bekannt wurde und das „Gefühl von Freiheit“ in der Jugendkultur etablierte, sei es die damalige UDSSR, die ihre Tradition mit Stalin begann, sehr kritisch zu beleuchten. In Südafrika kulminieren die Ereignisse um die „Stimme der Freiheit“, Nelson Mandela, der im Dezember des Jahres verhaftet und angeklagt wird.

 

Während in den USA unter der Führung Martin Luther Kings konkrete Aktionen zur Rassengleichheit stattfinden und in Afrika große und wichtige Kolonien sich gegen ihre „Besatzer“ (vornehmlich Frankreich) erheben und in Ungarn am Joch der Zwangsmitgliedschaft in der Sowjetunion gerüttelt wird.

 

Vielfache Daten zum Kampf für die Freiheit, die zwar im Einzelnen überwiegend nicht in diesem erwähnten Jahr 1956 zu durchbrechenden Erfolgen führten, die aber eine Stimmung der Zeit kennzeichnen, die durchaus, da kann man Hall folgen, im Jahre 1956 besondere Ausschläge gezeitigt haben.

 

All diesen Tendenzen spürt Hall nach, illustriert seine Betrachtungen mit einigen beeindruckenden historischen Bildern und führt den Leser rund um den Globus in eine aufgeheizte, von allen Seiten her auch gewaltbereite, Atmosphäre jenes Jahres.

 

Wobei, das bleibt kritisch anzumerken, weder Elvis nur 1956 seine „neue Musik“ unter das Volk brachte und Aufstände wie auch Kolonialkriege oder der Kampf gegen die Rassentrennung und die langsame Abkehr der UDSSR von den Maximen (und den Verbrechen) Stalins alleine auf dieses konkrete Jahr beschränkt gewesen wären.

 

Einige der Ereignisse (Aufstand in Ungarn, der „Polnische Oktober“ u.a.) haben ihre Ursachen bereits deutlich früher als 1956, andere (Mandela, Die Suez Krise etc.) zeigten noch lange Nachwirkungen, mit entscheidenden Aktionen und Ereignissen zu späteren Zeiten in späteren Jahren.

 

Zudem muss konstatiert werden, dass nicht nur dieses spezielle Jahr, sondern das gesamte Jahrzehnt jeweils seine „Meilensteine“ in sich trug. Ob nun „Elvis“ die grundlegende kulturelle Initialzündung war oder doch eher die Beatles 1962, ob der „Bus Boykott“ 1956 das „Urereignis“ des Kampfes der Schwarzen in Amerika war oder doch die Ereignisse um Malcom X oder später in den auch inneren Folgen des Vietnam Krieges, all das ist nicht letztendlich zu klären oder auf ein konkretes Datum hin festzumachen.

 

Dennoch, Hall führt ruhig und sachlich und, vor allem, sehr systematisch dem Leser die Welt des Jahres 1956 in ihrer Besonderheit vor Augen. Und das ist mit Genuss lesbar, auch ohne dass man seine Meinung übernimmt, dieses besondere Jahr sei quasi eine „Zeitenwende“ gewesen oder hätte eine solche eingeläutet. Sowohl in den Jahren vorher als auch in den Zeiten nach 1956 stehen wichtige Entwicklungen im Raum. Deren Grundthema, die Frage der gesellschaftlichen und individuellen Freiheit, Hall jedoch sehr präzise aufnimmt und über viele Ereignisse zu berichten versteht, die nicht nur symbolisch, sondern ganz faktisch an allen Ecken und Enden der Welt diesen Drang zur Freiheit dokumentieren. Und damit den Leser daran erinnern, dass neben Wirtschaft, Finanzen, Konsum, Ruhe und Sicherheit noch andere Werte im Raum stehen, die immer wieder die Welt bewegt haben und die immer wieder nach neuen Antworten suchen werden, sollte die Freiheit zu deutlich und klar an bestimmten Orten eingeschränkt werden.

 

Das zumindest ist die Quintessenz auch aus diesem Werk, dass an ganz verschiedenen Orten und unter ganz verschiedenen Umständen und Zielen die Sehnsucht nach Freiheit Motivator und Taktgeber (auch) dieser Ereignisse war.

 

 

Eine interessante Lektüre, die hier und da zu bedeutungsvoll das konkrete Jahr solitär in den Mittelpunkt rückt.

 

M.Lehmann-Pape 2016