Klett-Cotta 2017
Klett-Cotta 2017

Sven Felix Kellerhoff – Die NSDAP

 

Differenziertes Bild einer „Bewegung“ in Partei-Form

 

Vom „Vorbeben“ in Zeiten hoher Fluktuation, von der Konsolidierung bis zur berüchtigten „Rebellion der SA“, von tiefsitzender Korruption hin zur Änderung des „Charakterbildes der Partei“ als „Volksgemeinschaft“, von „(Kriegs-) Liebesgaben für die Front über „Nothilfe für Ausgebombte“, aber auch „Rückgrat“ des „Totalen Krieges“ und Organisationsplattform des „Volkssturmes“. Mit dem Blick auf Karrieristen, Mitläufer, Denunzianten, eindeutigen „Verbrechern“, aber auch auf das „Danach“ der Entnazifizierung und des „Untertauchens“ in der neuen Republik, Kellerhoff bietet einen fundierten, umfassend breiten und, in den einzelnen Strömungen, Fäden und Themen sehr differenzierten Blick auf die „größte Partei“, die Deutschland je kannte und das kollektiv größte Drama, in das eine solche Partei in Deutschland eine ganze Nation je gestürzt hat.

 

Wie konnte das sein, dass zu einem gewissen Zeitpunkt fast jeder, der in Deutschland etwas sein oder werden sollte, Mitglied der NSDAP war, dass aber im Frühjahr 1945 die alliierten Truppen „Kein Nazi. Nirgendwo“ vorfanden?

 

„Alles Mögliche hatten sie erwartet, nicht aber weiße Fahnen“.

 

Was trägt dieses Bild ins ich? Ein „geknechtetes Volk“, dass gegen den Willen „hineingepresst wurde“ und nun dankbar für die Befreiung von der Schreckensherrschaft „Weniger“ war? Eine Masse an Opportunisten, die vielleicht gar während dieser NSDAP Herrschaft gelernt hatten, dass es besser ist, das Fähnlein in jeden Wind zu drehen, der gerade wehte?

 

„Es gab keine Nazis. Auch keine Ex-Nazis, und nicht einmal irgendeinen Nazi-Sympathisanten“. Was zwar der Eindruck eines Chronisten der 78. US Division war, aber natürlich in keiner Form der Wahrheit entsprach. Wie Kellerhoff flüssig und fundiert Seite für Seite offenlegt.

 

Mit seiner (gut begründeten) These zu Beginn, dass es kein „Verschwinden“ war, sondern ein „kollektives Verdrängen“, was quasi die NSDAP als „nicht-existent“ darstellte.

 

„Die weitaus meisten Deutschen wollten instinktiv, dass die zwölf braunen Jahre wirkten, als seien sie aus der Zeit gefallen“. Und man kann tatsächlich konstatieren, dass innerhalb dieser zwölf Jahre ein sehr geschicktes agieren der NSDAP und deren Drahtziehern dem „gemeinen Volk“ vielfache Möglichkeiten einer wahrhaftigen Betrachtung der Realitäten „vernebelten“. Von der Propaganda über die engmaschige Überwachung des alltäglichen Lebens und selbst vielen den eigenen Mitgliedern gegenüber.

 

Dennoch aber hatte das ganze System und Rückhalt in vielen Bevölkerungsgruppen und eine hohe Anzahl von „Überzeugungstätern“, die Kellerhoff sorgsam herausarbeitet und vor Augen stellt,

 

„Organisationen führen kein Eigenleben, sondern sind Summe ihrer Mitglieder“. Da lohnt es sich, genau hinzuschauen, um zu verstehen, welche Dynamik die NSDAP zu Beginn antrieb und wie daraus im Lauf der Zeit ein effizientes System mit einer hohen Eigendynamik entstanden ist.

 

Was Kellerhoff sehr praxisnah und kleinteilig im Übrigen in seiner Methode sich widerspiegeln lässt, hunderte von subjektiven Berichten von Parteimitgliedern zu verarbeiten, die dann eben als „Summe der Mitglieder“ ein Gesamtbild ergeben.

 

Diese Quellen, die „Abel-Quellen“ (von 1934) bilden dabei eine wichtige Grundlage des Buches, gemeinsam mit erhaltenen Akten der NSDAP (an denen die „deutsche Gründlichkeit“ bestens abzulesen ist) und Reden, Schriftstücke, Tagebücher, Einlassungen hoher Funktionäre der NSDAP bis hin zu Hitler selbst. Mit einem gewichtigen Schwerpunkt auf die Zeit des „Kampfes und der Konsolidierung“ der NSDAP bis 1934 hin.

 

Insgesamt eine hochinteressante Lektüre, die einen, im Nachhinein betrachtet, überaus unwahrscheinlichen „Aufstieg“ hin zu einer „Massenmacht“ schildert, der vielfache Lehren für die Gegenwart und zukunft in sich trägt.

 

 

„In Wirklichkeit kann der Zuschnitt der Partei….gar nicht bescheiden und kleineleutemäßig genug betrachtet werden“. Und weder ein Wunder noch eine einzige Person alleine zeichnen verantwortlich für die Entwicklung, welche die Geschichte von den ersten Tagen der „DAP“ hinnahm, sondern ein Geflecht vielfacher Personen, Intentionen, auch Zufällen zeigt sich im Buch auf, die mit wachsendem Staunen in der Form bestens dargereicht gelesen werden können.

 

M.Lehmann-Pape 2017