C.H.Beck 2016
C.H.Beck 2016

Thomas Kaufmann – Erlöste und Verdammte

 

Breiter Blick auf das Geschehen in europäischem Maßstab

 

Wie sehr es „menschelt“ im und um den Glauben herum, das ist für dieses detaillierte und mit weitem Blick angelegte Werk Kaufmanns keine Frage irgendwelcher interner Anekdoten um Luther und „die Reformatoren“ herum, sondern, letztendlich, liest man das Werk mit den auch politischen Dimensionen, die Kaufmann aufwirft, eine der zentralen Entwicklungslinien der Reformation. Die in Deutschland in der Gestalt Luthers zwar ihren Anfang und Beginn markiert, die aber einerseits in der Entwicklung und Entfaltung eines modernen „Massenmediums“ (des Buchdrucks) und in ihren machtpolitischen Interessen und Auswirkungen erst im Gesamten das ausmacht, was als „Zeitenwende“ zur Moderne hin definiert werden kann.

 

„Die reformatorische Bewegung besaß historische Durchschlagskraft, weil sie sich in ihrer Gegnerschaft gegen das überkommene Kirchenwesen, in der alleinigen Orientierung an dem ….. Evangelium und in der Solidarität mit……Luther einig war“.

 

Eine Kraft, die in dieser Einigkeit gerade zu Anfang der Bewegung wichtig war, als es gelang, theologische Differenzen für eine, entscheidende, Weile in den Hintergrund treten ließ und dann die verschiedenen, einander auch in Abneigung gegenüberstehenden Strömungen der Reformation zu einem Zeitpunkt aufflammen ließ, als ein solides Fundament der Veränderung bereits gelegt war.

 

Auseinandersetzungen über das konkrete Verständnis zentraler biblischer Aussagen und, zumeist, auch unterschiedliche Vorstellungen politischer Art, deren Bogen von der „Revolution“ bis zum „Gottesstaat“ (in Genf später durch Calvin mit „eiserner Hand“ erprobt) reichten.

 

Und das alles war und ist beileibe nicht auf Deutschland beschränkt gewesen und geblieben. Kaufmann als Kirchenhistoriker öffnet mit diesem, sehr akribisch den einzelnen Richtungen nachgehenden, Werk zugleich den „europäischen Blick“ auf das Geschehen der Reformation, der „Kirchenspaltung“, die mehr war als eine rein theologische Lehrauseinandersetzung, sondern die ein wichtiges Element auch der Aufklärung und damit der massiven Veränderungen der politischen Landkarte Europas wurde.

 

Wenn Kaufmann sorgfältig der unmittelbaren Entwicklung zunächst nachgeht in den „Territorial- und kirchenpolitischen Entscheidungen“ in der Folge des Wirkens der Reformatoren mit der Errichtung evangelischer Kirchentümer und, vor allem, mit der einerseits theologischen „Vereinigung“ in der „Confessio Augustana“ (trotz aller Zerwürfnisse und Unterschiede im reformatorischen Lager) und andererseits in der brüsken Ablehnung derselben durch den Kaiser.

 

Die umgehende Bildung des „schmalkaldischen Bundes“ als nun auch weltliche, politische Kraft der Reformation.

 

Hier sieht Kaufmann einen der entscheidenden Wendepunkte zur „Veränderung der Welt“ hin.

 

„Nach einem Jahrzehnt……war die Reformation und ihr Überleben spätestens seit dem Augsburger Reichstag definitiv und unausweichlich eine primäre politische Frage geworden. Die evangelischen Theologen wussten und bejahten dies“.

 

Im Gesamten also richtet sich Kaufmanns umfassende Darstellung weniger an und um die Person Luther herum zum „Reformationsjubiläum“, sondern in sehr gelungener Weise und mit weitem Blick zeigt Kaufmann „Die Reformation“ als religiöse und politische Kraft an sich auf. Von der Einigkeit bis zu den inneren Zerwürfnissen, von der gedachten „Erneuerung der katholischen Kirche “ hin zu einer neuen, eigenständigen, politisch benutzten und politisch aus sich heraus wirkenden Kraft bis hin zur Bedeutung des Buchdrucks, der die Reformation überhaupt erst möglich machte finden sich alle Entwicklungsschritte übersichtlich strukturiert im Buch wieder.

 

Die wesentlichen Impulse für die Moderne, die in der Gegenwart immer noch erkennbare Wirkungen entfalten werden dabei im „Gesamtblick“ erfasst, wie aber auch die einzelnen Personen und Abläufe „im Kleinen“ nicht zu kurz kommen (Wiedertäufer in Münster, Mystiker und Spiritualität, frühreformatorische Bewegungen außerhalb des engeren Ablaufs in Deutschland, ein breiter Blick auf Calvin und vieles mehr).

 

 

Ein Werk, das gerade Recht zum Jubiläumsjahr kommt, um die „rote Linie“ vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart zu ziehen und dabei eher das große Ganze im Blick hält, statt sich in einzelnen Ereignissen aufzureiben. Für Kaufmanns Ziel eine gelungene Darstellung, für Leser, die an einzelnen Punkten gerne vertiefender arbeiten möchten eine gute „Plattform“ als Orientierung.

 

M.Lehmann-Pape 2016