Propyläen 2016
Propyläen 2016

Thomas Weber – Wie Adolf Hitler zum Nazi wurde

 

Das prägende Umfeld derer, denen man sich anschließt

 

Nicht aus schon lange schwärender politischer Überzeugung. Nicht aus einem Funken des selbst empfundenen „Führer-Genies“, nicht einfach „vom Himmel gefallen“ ist der „Führer“.

 

Eher, fast könnte man es so bezeichnen, aus einem gewissen Zufall heraus, vor allem aber aus einer eindeutigen Orientierungslosigkeit heraus wandelte sich Adolf Hitler in der Zeit nach Ende des ersten Weltkrieges in jenen „Nazi“, jenen fanatisch rechts-völkisch denkenden und sich selbst intensiv und unermüdlich als Redner schulenden Agitator.

 

„Weil er sonst nichts hat“.

 

Das dürfte der Schlüsselsatz sein, den Thomas Weber als Initialzündung für die Hinwendung zum Nationalsozialismus Hitlers herausarbeitet.

 

Schon vor dem ersten Weltkrieg eher Tagelöhner und Männerheimbewohner, Postkartenmaler und, lapidar gesagt, einfach gescheitert. Nicht Fuß gefasst in der Gesellschaft, im Leben. Dem österreichischen Wehrdienst hatte er sich noch mit allen Mitteln verweigert, der bayerischen Armee trat er mit „Hurra“ bei.

 

Und nach Ende des Krieges stand Hitler letztendlich vor dem Nichts und bemühte sich, solange es ging und soweit wie möglich, sich den einzigen Rahmen zu erhalten, den er stabilisierend kannte. Bei der Armee zu bleiben. Und dort erst kam er in die Nähe jener Kreise und in das intensivere Kennenlernen jener völkischen Denkweise, jener „Freischärler“, jener „politischen Bildung“, die ihm die Gelegenheit boten, sich zu vertiefen, sich einzubringen, Gedankengerüste (wenn auch teils sehr unreflektiert) zu übernehmen.

 

Jenes Gefühl der schmählichen Niederlage seiner „Gruppe“, die verschiedenen Schulungen als Angehöriger des Militärs, es ist gar nicht viel an Unterbau und Hintergrundwissen, es sind eher „kleinere“ Momente jener Zeit, einige kleine Räder, die sich zu einem inneren Getriebe zusammenschließen, die aus dem einfachen Soldaten einen fanatisch überzeugten und im Übermaß an sich selbst glaubenden späteren „Führer“ hervorbrachten.

 

Es sind diese eher „kleine“ Geschichte, es ist die Vielzahl an Informationen und das präzise und prägnante Nachzeichnen dieses Weges von einem „Niemand“ zu einem Überzeugungstäter mit Sendungsbewusstsein, die Thomas Weber akribisch und fundiert in diesem Werk aufarbeitet. Und in dem er mit vielfacher bisher geltender „Ursachenforschung“ der Entwicklungsgeschichte Hitlers intensiv aufräumt.

 

Eben nicht die Position in der Räterepublik, eben nicht, wie es die Propaganda des NS-Reiches in allen Köpfen verankert hatte schon ein frühes Bewusstsein von Rasse und Auserwählung bilden die Grundlage für diesen Lebensweg, sondern die Erfahrung, plötzlich ein Thema zu haben, einen Inhalt. Und damit (mit hartem Training an der äußeren Form der Reden) eine Zuhörerschaft.

 

Anerkennung, Jubel, Zustimmung, Gefolgsleute, alles Momente, die Hitler bis dahin völlig abgingen und mit denen Weber einfühlsam auch beleuchtet, warum diese Form der „öffentlichen Person“ für Hitler von existenzieller Bedeutung war.

 

„Weil er sonst nichts hatte“. Auch innerlich nicht.

 

Eine hervorragende Darstellung, Erhellung und Nachzeichnung, wie Hitler seine inhaltlichen „Grundthemen“ gefunden hat, wie sich diese verankerten, wie er sich selbst begann, zu inszenieren und aus welchen inneren Motiven heraus dies alles dann exzessiv vorangebracht werden musste in einem massiven, inneren Dualismus von „Siegen oder Scheitern“. Denn ansonsten hätte es keine „bürgerliche“ Alternative gegeben. Ein Denken, dass Hitler dort prägte und das er letztlich auf das ganze Land ausweitete.

 

Detailliert, kenntnisreich und sehr flüssig zu lesen legt Weber diese innere Entwicklung Hitlers vor, benennt alle entscheidenden Räder, Erlebnisse und Gedanken auf dem, ebenso treffend wie bildkräftig dargestellten Entwicklungsweg Hitlers:

 

Vom „streunendem Hund“ zum „Teil des Rudels“ zum „Anführer des Rudels“. Und zeigt dabei, wie nebenbei, zu guter Letzt noch die völlige Skrupellosigkeit Hitlers auf, wenn es zunächst im seine Interessen und dann im seinen selbstempfundenen „heiligen Glauben“ geht.

 

 

Eine wichtige, notwendige und hervorragende Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2016