C.Bertelsmann 2014
C.Bertelsmann 2014

Tillmann Bendikowski – Sommer 1914

 

Viel differenzierter als nur „Hurra-Patriotismus“

 

Schon bei oberflächlich näherem Nachdenken dürfte jedem vernünftigen Menschen klar sein, dass durchgehende Begeisterung, freudiger „Frontwille“ und bedingungslose „innere und äußere Treue“ zu Kaiser und Vaterland sicherlich nicht durchweg und simpel die Gemüter in Deutschland zu Kriegsbeginn 1914 bestimmte.

 

Ebenso, wie auch nicht alle deutschen Politiker säbelrasselnd voranstürmten. Ebenso, wie es im Vorfeld politisch mahnende Worte und Versuche mancher Diplomaten gab, die angespannte Lage zu entschärfen, ebenso waren Angst, Ablehnung des Krieges, Sorge auch Gemütszustände im Volk.

 

Allein schon die Aufzeichnungen Stefan Zweigs, aus denen heraus (gerade in „Die Welt von Gestern“) sich  eine paneuropäische, im künstlerischen vereinte europäische „Begeisterung“ sich erkennbar ableiten lassen, zeigen, dass es auch „die andere Seite“ vernehmbar gab.

 

So stimmt bei näherer Betrachtung, die Bendikowski dem Leser ruhig, sachgerecht und fundiert recherchiert vorlegt, nicht, dass „der Krieg, der Kampf, all die Gefahren – all das sei regelrecht herbeigesehnt worden“.

 

Doch, es gab auch solche Stimmen und Kreise, aber die Gesamtlage der Deutschen 1914 war wesentlich differenzierter und uneiniger, als es im Nachhinein der Fall gewesen sein schien.

 

„In der historischen Wirklichkeit waren die Reaktionen auf die Kriegsgefahr und den Beginn des Krieges sehr viel komplexer und widersprüchlicher“.

 

So die These, der Bendikowski sich anschließt und die er Seite für Seite im Buch zu belegen weiß. Um dies zu entfalten, wählt Bendikowski stilistisch fast die Form einer biographischen Reportage(n), in deren Mitte er fünf verschiedene Personen stellt, denen er für den Sommer 1914 breit nachgeht. „Stellvertreter“ für die unterschiedlichen Gruppen der Bevölkerung, Land-Stadtbevölkerung, Intelektuelle und Arbeiter, Soldaten und Zivilisten.

 

Wilhelm II. wählt Bendikowski als eine der Personen aus, in dem bereits „zwei Herzen“ in der Brust schlagen. 25 Jahre Frieden unter seiner Herrschaft, darauf war er stolz. Aber auch dem Militarismus stark zugeneigt und mit „Großreichträumen“ ausgestattet.

 

Ihm zur Seite stellt Bendikowski den Historiker Professor Cartellieri, den 17jährigen Arbeitersohn und SPD Mitglied Weilhelm Eidermann, die ledige Lehrerin Getrud Schädla (27) und den Dozenten und Lyriker Ernst Stadler (30).

 

Ein Querschnitt somit durch die Schichten, die Herkunft, die innere Haltung, der sich in den einzelnen Reaktionen auf die Krise und den Ausbruch des Krieges deutlich widerspiegeln wird. Portraits, die Bendikowski flüssig, biographisch kundig und immer mit dem Blick auf die innere Haltung der Krise der Zeit gegenüber darzustellen versteht, so dass der Leser mehr und mehr emotionale Nähe aufbauen kann und mitten hineingezogen wird in die verschiedenen Lebenswelten der Personen und deren Erwartungen..

 

Eine fundierte Darstellung, die sich vielfach auf Primärquellen (überwiegend lagen Tagebücher der Personen vor) stützt und, wo ein Tagebuch nicht vorliegt (wie bei Wilhelm II,) ist überreichlich anderes Quellenmaterial vorhanden und von Bendikowski genutzt, um ein differenziertes Bild der „inneren Haltungen“ herausarbeiten zu können.

 

Durch den „Transport“ der unterschiedlichen Haltungen und „Gemütslagen“ in der Anhaftung an konkrete, historische Figuren gelingt Bendikowski, diese Unterschiede in der inneren Haltung und Wahrnehmung des „Sommers 1914“ überzeugend vor Augen zu führen und endgültig mit dem Vorurteil aufzuräumen, ein ganzes Volk wäre mit glänzenden Augen zu den Waffen gestürmt. Und selbst jene, die in dieser Form im August 1914 noch gedacht haben, werden bald erste Zweifel erleben (wie auch der Kaiser angesichts des raschen Vordringens russischer Truppen).

 

 

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2014