dtv 2015
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Tim Marshall – Die Macht der Geographie

 

Hervorragend erläutert

 

Es sind nicht (nur) die „großen Politiker“, Feldherren oder vorrauschauenden „strategischen“ Denker, die die Geschickte eines Landes bestimmen. Es sind nicht nur aktuelle Ereignisse, auf die je reagiert wird.

 

Sondern, und zwar im Kern des Geschehens, die Geographie eines Landes ist es, die vielfach politische Linien, Kämpfe, Kriege, strategische politische Züge bestimmen.

 

So eröffnet Tim Marshall sehr sachkundig, sehr flüssig geschrieben und sehr, sehr überzeugend den Blick des Lesers auf die Geopolitik der Gegenwart und der Geschichte anhand und ausgehend von der konkreten Geographie eines Landes.

 

Und sorgt so für teils ganz neue, zumindest ungewohnte, eigentlich aber ja auf der Hand liegende Erkenntnisse, die das politische und strategische Handeln von Akteuren in der Gegenwart und der Vergangenheit in sich schlüssig darstellen.

 

Die Ausdehnung Russlands, Problem und Schutz zugleich. Das Fehlen von natürlichen, landschaftlichen Barrieren vor Moskau nach Westen hin, die Wichtigkeit der Ukraine und Moldawiens sowie Georgiens als „Sicherheitszone“ und als „Aufmarschzone“.

 

Die Tatsache, dass, außer auf der Krim, keine Häfen ganzjährig nutzbar sind und selbst die Krim (wie auch Häfen auf der pazifischen und der Nordpolarmeerseite) immer mit Engpässen  konfrontiert sind, die im „Fall der Fälle“ die russische Flotte behindern würden.

 

Zudem die schiere Ausdehnung des Landes nach Osten bis an die Spitze Alaskas hin, die ein „erobern“ unmöglich macht, was allein die Nachschublinien angeht, die andererseits die Politik deutlich mitbestimmen aufgrund des Vielvölkerstaates Russland und der weiten Entfernung eben auch zur Versorgung dieser Gegenden.

 

„Weite“, geographische Weite, ist ein wichtiger, wenn nicht der wesentliche Aspekt der Politik Russlands in Gegenwart und Vergangenheit, eine „Weite“, die „vor Moskau“ als Schutz gar nicht weit genug von Russland gedacht und verteidigt werden kann. Was zumindest ein gewisses Verständnis über die nervöse Sorge der Führung des Landes hervorruft, was das „immer näher rücken“ der Nato Mitglieder nach Osten hin angeht.

 

„Nehmen die die Grenzen der Nationalstaaten hinweg, und die Landkarte, mit der Iwan der Schreckliche konfrontiert war, ist die gleiche wie die, die ein Wladimir Putin heute vor sich hat. Mit modernen Mitteln, aber immer noch alten Gegebenheiten und damit Herausforderungen.

 

Ebenso, wie „China eine Zivilisation ist“ (und zwar eine ganz eigene), „die vorgibt, eine Nation zu sein“,

 

Was Marschall  ruhig, breit , sachlich eben auch anhand der Geographie des „Kontinents“ China hervorragend darzustellen vermag, wie er die Nordamerikanische Entwicklung zur Vormacht ebenfalls im Kern auf die vielfachen und besten geographischen Gegebenheiten Amerikas zurückführt.

 

Geographische Gegebenheiten, die einen konkrete Rahmen für eine Nation, ein „Reich“ vorgeben, anhand derer Entwicklungen sich entfalten und aufgrund derer die geopolitischen Linien der Außenpolitik tatsächlich in viel höherem Maße mitbestimmt werden, als man das vor der Lektüre des Buches gedacht hätte.

 

Eine sehr anregende, sehr sachkundige und sehr gut zu lesende Lektüre mit vielen erhellenden und passenden Informationen und Analysen der „Geographie der Welt“.


M.Lehmann-Pape 2015