dtv 2016
dtv 2016

Tim Marshall – Unter der Flagge

 

Symbole statt Geographie

 

Seine Verbindungen zwischen der Geographie und der inneren wie äußeren politischen Ausrichtung eines Landes oder „Reiches“ waren ein Bestseller und haben in ganz besonderer Weise die Voraussetzungen für jene geopolitischen Haltungen aufgezeigt, die auch in der Gegenwart noch erlebt, betrachtet, irritiert wahrgenommen werden können.

 

Nun wendet sich Tim Marshall ebenfalls der „inneren Verfassung“, der „Atmosphäre“, dem Selbstverständnis von Ländern und ihren Bevölkerungen auf eine zunächst exotisch klingende Art und Weise zu.

 

Weitaus abstrakter als große Flüsse, Bergketten, durch große Tiefebenen verwundbare „Flanken“ oder durch Expansionsdruck in Ländern ohne Meereszugang, wie in die „Macht der Geographie“ sind es nun „gefüllte Symbole“, die Marshall interpretiert und erläutert, warum und weshalb Menschen sich teils mit Begeisterung (bis hin zum Fanatismus beim IS und anderen Bewegungen) „unter einer Flagge“ versammeln und wie sich dieses Symbol als Zeichen eines Nationalgefühls im Lauf der Zeit (im wahrsten Sinne des Wortes“ „entfaltet“ hat.

 

Was keine gängige Form der Annäherung an Nationalgefühle und Gesellschaften ist und was, das trifft sicherlich zu, in dieser Form vielleicht auch bei Weitem nicht jeden Leser wirklich tief interessiert.

 

Und doch.

 

Es sind berühmte Bilder der Geschichte (auf Iwo Jima während des zweiten Weltkrieges, auf dem Mond durch Neil Armstrong), wenn die Flagge gehisst wird. Nach dem Anschlag am 11.9.2001 setzten drei New Yorker Feuerwehrleute auf die noch rauchenden Trümmer des World Trade Centers die „Stars and Stripes“. Ein Zeichen für alle Amerikaner. Für das traumatisierte Land in jenen Tagen ein Fanal und ein „heiliges Zeichen“, in dem sich als dingliches „corporate identity“ alle sammeln (und innerlich wiederaufbauen) konnten.

 

„Wie konnte ein buntes Stück Tuch eine solche Schlagkraft haben, dass das Foto nicht nur überall in den USA, sondern in Zeitungen auf der ganzen Welt abgedruckt wurde“?

 

Eine interessante Frage, die für Marshall Ausgangspunkt für eine weltweit umfassende Betrachtung solcher „Tuchstücke“ bildet und die den Leser, Seite für Seite mehr interessiert, in eine emotionale Bedeutung dieser Nationalsymbole führt. Eine Lektüre, bei der klar wird, dass das oft eher nur „nebenbei“ bemerkte Symbol (wird eben bei Siegerehrungen gehisst oder bei Todesfällen auf Halbmast gesetzt) durchaus auf unbewusste Erlebniswelten hinweist, die auch in der Moderne ihre Wirkung nicht verfehlen. Ein emotionales Erleben, dass „da ist“, selbst wenn es an vielen Orten und bei vielen Menschen kaum wirklich zu Bewusstsein kommt.

 

Nicht umsonst nennen die Amerikaner ihre „Stars and Stripes“ „Old Glory“.

 

„Die Bedeutung einer Flagge entspricht den Gefühlen, die sie weckt……..spricht auf ganz besondere Weise zu ihnen (den Menschen)“.

 

Was Marshall anregend erzählend im Tonfall, mit großer Sachkenntnis und für den Leser mit hohem Informationsgewinn vor Augen führt.

 

„Die Union und der Jack“ zeigen, wie sich politische Kämpfe, Befreiungen, der dennoch Stolz auf die eigene Tradition und Geschichte gestalterisch niederschlägt. Im Guten, wie in Britannien, im Schlechten, wie im dritten Reich mit seiner „Kreuzzugsflagge“. Die in langer Tradition religiös motivierter „Macht-Kriege“ steht.

Wie dies, auf der „anderen Seite der Welt“ auch „Flaggen der Angst“ (IS, Hamas u.a.) oder „Flaggen der Revolution“ zu finden ist.

 

So steht am Ende der Lektüre die Erkenntnis, dass Menschen immer auch in Symbolen Denken und Fühlen und diese über die Zeiten hinweg in der Gegenwart „auf den Punkt bringen“ können, was an Selbstverständnis und Geschichte in einer Bewegung oder einer Nation steht. Nicht umsonst übrigens waren gerade Flaggen und Fahnen (bis hin zu einzelnen Kompanien von Armeen oder Ultra-Gruppen in den Stadien weltweit) immer auch wichtiges „Kriegsbeute“. Als würde man den Kampfeswillen der anderen Seite durch den Verlust deren symbolischen Selbstverständnisses nachhaltig brechen können.

 

 

Eine empfehlenswerte Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2017