C.H.Beck 2015
C.H.Beck 2015

Timothy Snyder – Black Earth

 

Tief beunruhigend

 

Natürlich ist es wichtig, immer wieder, solide und fundiert, an den Genozid am jüdischen Volk im dritten Reich zu erinnern. Auch wenn die Literatur zum Thema Legion ist, auch wenn mittlerweile viel Zeit vergangen ist. Erinnern speziell im Übrigen an den Holocaust, und damit auch an den in der Gegenwart noch lange nicht verstummenden Antisemitismus.

 

Erinnern dabei nicht nur an das Geschehen an sich, die “Vernichtungsmaschinerie“ des dritten Reiches, die Vorzeichen, die schon Ende der zwanziger, Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts deutlich in den Raum traten, bevor die „Judenfrage“ ab 1933 systematisch mit  bekannten Folgen und bekanntem Ausgang „angegangen wurde“.

 

Sondern auch den „geistigen Nährboden für die Haltungen hinter den unmenschlichen und grausam kühl vollzogenen  Handlungen gilt es, darzustellen, speziell das rassistische, antisemitische Denken Hitlers in seiner sprunghaften, eher wutschäumenden denn in sich logisch strukturierten Folgerungen nachzuvollziehen.

 

„In der Welt, von der Hitler träumte, empfanden die Mörder keine Verantwortung für das, was sie taten. Es gab keine moralische Autoritätsinstanz für individuelles Handeln und keine Basis für wechselseitige soziale oder politische Beziehungen: Es gab nichts als den ewigen Krieg zwischen Rassen“.

 

All das legt Snyder in ruhigem Stil, sachlich, fundiert, nüchtern (und dennoch flüssig und gut lesbar) in dieser tiefreichenden Untersuchung vor.

 

Und geht, das ist das außerordentlich Besondere an diesem Buch und Snyders „neuem“, anderen Blick auf den Holocaust, zum Ende hin entscheidende Schritte über die reine Darstellung des Gewesenen hinaus.

 

Für dieses „darüber hinausgehen“ aber (daher ist ein Vorblättern und nur eine Wahrnehmung seiner „Warnung an die Gegenwart“ nicht anzuraten) ist es unabdingbar notwendig, Snyder in den einzelnen Schritten des Holocaust und, vor allem, in der feinjustierten Darstellung der dahinter stehenden Geisteshaltung Schritt für Schritt zu folgen. Um differenziert „Zeichen der Zeit „ erkennen zu können und sich frühzeitig gegen solche Verwerfungen zu positionieren.

 

Denn je weiter die Lektüre fortschreitet, desto klarer wird dem Leser, dass hier nicht nur ein vergangenes, konkretes historisches Geschehen differenziert aufgearbeitet wird, sondern dass hinter diesem konkreten Geschehen (das quasi nur das „Symptom“ einer tiefer sitzenden, menschlichen Krankheit ist) Gesetzmäßigkeiten, allgemeine Abläufe zu finden sind.

 

Regeln für eine innere Haltung, für eine bestimmte Art des Denkens im absoluten schwarz-weiß Denken eines „“Freund-Feind-Schemas“, das weder erst mit dem Holocaust begonnen hat, geschweige denn mit diesem endgültig geendet hätte.

 

Antisemitismus existiert seit Jahrhunderten und bis heute. Ideologische Verblendung, genauer gesagt , das feste darauf beharren, dass die eine, eigene Sicht der Dinge die einzig mögliche und existenzberechtigte ist, ist ebenso in der Kindheit der Menschen bereits verankert, wie das brachiale „Überstülpen“ von Ideologien ohne Bereitschaft zu jedweder Kommunikation, Kompromiss oder eines Konsens in den letzten Jahren zunehmend die Fugen der Welt erschüttert. Systematische Erzeugung von angst durch Terror, Krieg ohne Wenn und Aber, all das sind auch Zeichen der Moderne, nicht nur der Historie. Und zwar mehr denn je.

 

Dass Snyder dabei mit teils ungewohnten, teils frisch und neu anmutenden Interpretationen sich einen ganz eigenen Zugang zum „Gehirn“ , zum inneren Denken Hitlers erschließt und dass für den Leser nicht ohne Erschrecken, Empörung, Zorn oder einfach Irritation abgeht, auch das ist Teil dieses fulminanten Leseerlebnisses, dass seine Zielrichtung nicht in der Darlegung vergangener Zeiten legt, sondern in eine Warnung an die Gegenwart:

 

„Jederzeit wieder und gerade jetzt“, so kann man Snyders Botschaft zusammenfassen. Da, wo die Struktur eines Denkens wie das Hitlers wieder um sich greift, in Personen und (zunächst) kleineren Gruppierungen reift. Und hat nicht längst schon wieder ein Denken, eine „interne“ Verteilung von „Lebensraum“ begonnen, diesmal nicht, was Land und Felder angeht, sondern was Ressourcen, Klimaveränderungen, Energieherausforderungen angeht?

 

Die nur rein auf sich bezogene und nur eigene Argumente gelten lassende Denkstruktur eines Adolf Hitler, die zumindest ist nicht schwer zu finden in den Bedrängungen der Gegenwart. Und das nicht nur bei versprengten Individuen am Rande von Gesellschaften, sondern ohne weiteres auch ganz oben in (nicht wenigen) Staatsführungen.


M.Lehmann-Pape 2015