Klett-Cotta 2012
Klett-Cotta 2012

Tom Holland – Im Schatten des Schwertes

 

Die Veränderung der Welt in der Spätantike

 

Das 6. Jh. ist eine historische Epoche, die sich „präziser Kategorisierung“ widersetzt. Holland bezeichnet diese Epoche als eine, die „zwischen zwei Zeitaltern“ liegt. Einerseits sieht diese Zeit das Ende der alten, klassischen Kultur, andererseits steht das Zeitalter der Kreuzzüge vor der Tür. Eine Entwicklung, an der Mohammed auslösend beteiligt sein wird und so ist sein Geburtsdatum um 570 herum in Mekka durchaus passend zu dieser Ahnung von Zeitenwende.

 

Eine unklare Schwellenzeit, in welcher der Islam zunächst noch gar nicht vorhanden und gefühlt bereits kurz darauf als spätantike Macht sich Geltung verschafft und bis zum 9. Jahrhundert immer mehr aufblühte. Eine sieghafte Religion, getreu dem alten Glauben, dass „Gott die Sieger“ liebt. Und war es nicht so, dass all die alten Imperien, die jahrhunderte dauernde Vorherrschaften unterworfen waren vom arabischen Kernland aus?

 

„Wir sind die Gehilfen Gottes und stehen Seinem Propheten zur Seite, und wir werden die Menschen bekämpfen, bis sie an Gott glauben“.

 

Wer aber nun genau war jener Mohammed? Und innerhalb welcher Entwicklungslinien hat sich, beginnend mit der Zeit der persönliche Kämpfe Mohammeds, der Islam zur Weltreligion und weltlichen Macht aufgeschwungen?

 

Fragen, denen Tom Holland gewohnt fundiert, breit und gründlich nachgeht und, ebenso wie bekannt, in der Lage ist, seine Fakten und historischen Erkenntnisse durchaus in verständlicher und flüssiger sprachlicher Form mitzuteilen.

 

Ein Unterfangen, dass mit der schwierigen und sicher häufig verfälschten Quellenlage ebenso zu kämpfen hat, wie mit den verschiedenen Sichtweisen auf Ereignisse dieser Periode in Orient und Okkzident. Dass nun Mohammeds Leben nicht in vertrauenswürdigen Biographien jener Zeiten fassbar vorliegt und dass einiges an dem, was für den Islam heute höchste Heiligkeit besitzt, in den Anfängen wohl kaum bekannt, auf jeden Fall nicht in heute bekannter Weise verehrt wurde, dass sind nur einige der interessanten Erkenntnisse, welche die Lektüre der knapp 430 Seite mit sich bringt. Vor allem aber zeichnet Holland deutlich nach, aus welcher Gemengelage aus jüdischer und christlicher Tradition (und Herrschaft) sich mehr und mehr der feste Rahmen des Islam entfaltete. Eine im Übrigen durchaus ähnliche Entwicklung von einer Stammesreligion zur Staatsreligion, wie es auch das Judentum aus seinen Anfängen heraus kennt.

 

Eine Darstellung, für die Holland durchaus erkennbar ausholt und die Lage hin zur Situation im 6. Und 7.  Jahrhundert zunächst breit beschreibt. Perser, das christliche Rom, das Judentum, Kriege und Intrigen, aber auch Seuchen, vieles hat seinen Beitrag geleistet bis zum „großen Krieg“ ab 606 durch Khusrau II. initiiert und 614 mit dem Fall Jerusalems durch Shahrbaraz seinen blutigen Höhepunkt erreihte. Aber auch die ganze Schwäche des nunmehr zahnlosen römischen „Restreiches“ aufzeigte.

 

Dieser persische Sieg aber ist nur die eine Seite der „Initialzündung“ des Islams, die Holland aufzeigt. Ebenso großen Wert legt er auf die „innere“ Entwicklung, den, so kann man sagen, erbitterten „Konkurrenzkampf“ der Religionen um die Herzen der Menschen. Ein Ringen, das der Islam für sich entschied, maßgeblich befördert durch den fast „Auslöschungskampf“ der Christen gegen die Juden in jenen Jahren.

 

Strukturiert arbeitet Holland heraus, dass, im Gegensatz z.B. zum Christentum, der Islam einen Weg vom anderen Pol aus ging, Nicht eine „geistliche“ Erneuerung stand am Anfang des Islam, sondern ein „Kriegsbund“, der im Lauf der siegereichen Jahre mehr und mehr einen „geistlichen Grund“ erhielt.

 

Tom Holland liefert ein interessantes, gut zu lesendes Fachbuch mit durchaus eigener Ausrichtung, in dem er Schritt für Schritt die Entstehung des Islam aus äußeren, „irdischen“ und inneren „geistlichen“ Entwicklungen heraus in ihrer Entwicklung darstellt und ebenso fundiert der Person Mohammeds in ihren biographischen Bezügen und Stationen nachgeht. Und dies in weitgehend durchaus unterhaltsamer und teilweise spannender sprachlicher Form.

 

M.Lehmann-Pape 2013