C.H.Beck, 2014
C.H.Beck, 2014

Ulrich Herbert – Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert

 

Umfassend, fundiert und detailliert.

 

Gut 1250 dünne Seiten, eng bedruckt, chronologisch strukturiert, anders, als es der Titel auf den ersten Blick erwarten lässt, bereits 1870 beginnend (was Sinn macht, da die Jahre zur Jahrhundertwende hin vielfach gesellschaftlich, kulturell, politisch, wirtschaftlich  und militärisch jene Wurzeln bereit stellten, welche die geschichtlichen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts in Deutschland maßgeblich begründeten) und bis zum Millenium reichend, so stellt sich dieses Buch zunächst dem Leser dar.

 

Wobei Herbert ebenso wichtig und grundlegend zu Beginn bereits darlegt, dass der „nationale Rahmen“ allein  nicht ausreichen wird, die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert zu verstehen. Wichtige Entwicklungen des betrachteten Zeitraumes waren bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts miteinander vernetzte, aufeinander bezogene „gesamteuropäische Phänomene“ und blieben dies durch fast die ganzen Zeiten hindurch.

 

Dennoch aber, die nationalstaatliche Betrachtung hat ihr Recht und macht Sinn. Eben aber in Bezug auf gesamteuropäische Tendenzen und Wechselwirkungen, die in Deutschland je zu ihrer Zeit je interpretiert, adaptiert oder auf Widerstand treffend aufgenommen wurden.

 

Neben vielen anderen Stärken dieses Werkes ist dies eine ebenso wichtige. Die „großen Linien“ immer mit zu bedenken und dem Leser fundiert und überzeugend vor Augen zu führen. Eine Betrachtung, die zudem der besonderen Bedeutung, die Ethnie und Nationalität im 20. Jahrhundert introspektiv erhalten haben, gerecht wird.

So erklärt sich auch das besondere Augenmerk, welches Herbert auf die Zeit zwischen 1890 und 1914 setzt, prägende Jahre des „Deutschen Stolzes“ im jungen Kaiserreich.

 

Mag der erste Weltkrieg auch die „Wasserscheide“ zwischen 19. Und 20. Jahrhundert darstellen, was die Entwicklung zu diesem hin angeht und weit über diesen hinaus maßgeblich beeinflusst hat, findet in diesen Jahren mit hoher Dynamik statt.

 

Grundhaltungen und prägende Momente einer Nation, die, so wird Herbert später ebenso überzeugend argumentieren, im „letzten Fünftel des 20. Jahrhunderts“ eigentlich erst zu Ende gingen.

 

Nach den „zwei Epochen“ der Deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert, die Herbert voneinander abgrenzt.

Die Zeit des „Krieges und der Katastrophen“ und die Zeit der Entwicklung der Demokratie hin zu einem der führenden Länder innerhalb der globalen Wirtschaft, mithin somit eine Entwicklung von einer kulturellen und wirtschaftlichen Blüte hin zu einem Tiefpunkt und in der Folge zu „neuen Höhen“, deren Teile sich historisch zueinander verhalten.

Das „Wie“ dieses zueinander Verhaltens ist in diesem Werk ebenso Thema, wie die Darstellung der Ereignisse an sich.

 

Herbert versäumt es zudem nicht, die „Offenheit der Geschichte“ ebenso immer wieder vor Augen zu führen.

In all den Entwicklungen gab es, neben folgerichtigen und dann zwanghaften Abfolgen, nachdem einmal Startpunkte gesetzt  waren, ebenso je vor diesen Punkten eine Vielzahl von Alternativen. „Nebenwege und Seitenstraßen der Geschichte“.

Insofern sind jene „abgebrochenen oder gescheiterten Wege“ ebenso ein wichtiger Teil der Darstellung, wie die Darstellung  der „zeitlich unterschiedlichen Gegenwarten“.

 

Einer Konzentration auf die „deutsche Signatur“ in Anbetracht des Unterschiedes der deutschen Geschichte im Vergleich zu allen anderen Ländern, stellt Herbert im Folgenden einen zweiten Betrachtungsbogen entscheidend zur Seite: den der „Durchsetzung der Industriegesellschaft“.

Diese aber hält sich nicht an konkrete Daten, sondern hat ihre Ursachen ebenso bereits in den Zeiten der Jahrhundertwende, wie die kriegerischen Konflikte Deutschlands. Somit „überwölbt“, wie Herbert es formuliert, dieser Betrachtungsbogen die gesamten historischen Ereignisse.

Fast soweit, dass dies der „eigentliche innere Faden“ der (nicht nur) deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts sein könnte, der durch die Katastrophe beider Weltkriege zwar empfindlich gestört und zurückgeworfen wurde, letztendlich aber den Faden nach 1945 zumindest in einem Teil Deutschlands einfach wieder aufgenommen hat.

 

Dynamik, abbrechende Wege, Kriege, verlorene Alternativen, Aufschwung und damit einhergehend politische und kulturelle Veränderungen, begleitet auch von rigoroser Radikalität in einer sich massiv verändernden bürgerlichen Gesellschaft in einem spannungsreichen Umfeld (zunächst des „Kalten Krieges“), all dies findet sich auf stetig hohem Niveau im  Buch wieder.

 

In inhaltlich nachvollziehbarer Unterteilung. In 1870-1918, 1919-1933, 1933-1945, 1945-1973 (Beginn Strukturwandel), 1973-2000 gliedert Herbert die Hauptteile seines Werkes

 

Umfassend, kompetent, verständlich, breit und tief legt Ulrich Herbert ein faszinierendes Werk mit hoher Informationsdichte und „eigener Handschrift“ vor, das jede Seite lohnt.

 

Um zu wissen, warum ist, was ist. Warum manches nicht geworden ist und manches in innenpolitisch starker Reibung und außenpolitischer Bedrohungslage sich als resilient erwiesen hat. Bis hin zur mehr und mehr entscheidenden wirtschaftlichen Entfaltung von den 50er Jahren an bis heute, die einigen Strukturwandeln unterworfen waren.

 

 

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre

 

M.Lehmann-Pape 2014