DVA 2012
DVA 2012

Uwe Klussmann, Dietmar Pieper (Hg.) – Die Herrschaft der Zaren

 

Die Entwicklung des russischen Imperiums

 

Es ist eine lange und beileibe auch harte, teils brutale, oft gewalttätige, manchmal auch gute Geschichte, welche die verschiedenen Autoren im Buch chronologisch und durchaus dicht Revue passieren lassen.

 

Von Iwan dem IV., durchaus als Reformer angetreten und doch nachher nur noch als „der Schreckliche“ in den Geschichtsbüchern vermerkt (in Russland selber aber zurückhaltender „Der Gestrenge“ genannt),  bis zu Nikolaus II., dem letzten Zaren, reicht die Darstellung der Zaren im Buch. Alleinherrscher, die allzu oft mit Härte und Knechtschaft ihren Machtanspruch festigten, das Land für eigene Zwecke aussaugten und dem Volk meist die Knute nur zeigten. Eine faszinierende Geschichte, die bis heute ein hohes Verständnis für das „Innere“ Russlands  weckt, die Stalin und die Sowjetunion erklärbar macht, die bis heute ein Licht auf die Art und Weise wirft, wie in Russland scheint´s zu allen Zeiten „geherrscht“ wurde und wird. Egal unter welchem formalen Deckmantel, ob Monarchie, Kommunismus oder Demokratie.

 

Wobei, wie auch heutzutage noch, die Rolle der erzkonservativen orthodoxen Kirche Russlands sich bereits in den Anfängen der zaristischen Herrschaft eng mit der Macht verband (und davon durchaus profitierte), auch dies eines der vielen Puzzlestücke, welches im Buch nachvollziehbar und gut lesbar dargeboten wird. Wie das Buch im Gesamten sprachlich und inhaltlich einen fundierten und dennoch unterhaltsamen Eindruck hinterlässt.

 

Die besondere Rolle Deutschlands für das zaristische Russland von Beginn an (mit einer intensiven Verbindung unter Peter dem Großen späterhin) bis zuletzt zeigen die Autoren ebenso auf, wie die inneren Strukturen der Macht und Machterhaltung über fast 500 Jahre hinweg. Eine Zeitspane, innerhalb derer mit Katharina der Großen sogar eine Deutsche den Zarenthron bestieg und wo gilt: „von Katharinas Sohn, dem Preußen Bewunderer Paul I. bis zum letzten Zaren Nikolaus II. heirateten die russischen Kaiser mit Vorliebe deutsche Prinzessinnen“.

 

Ergänzt werden die gelungenen Portraits der einzelnen Zaren im Buch durch Beschreibungen von Leben und Wirken von Schriftstellern und Intellektuellen wie Puschkin, Gogol, Dostojewski und viele mehr. Wie selbst der als „Aufklärer und Modernisierer“ geltende Peter der Große, wie jeder andere Zar auch, seine „harte Hand“ über dem Land hielt, diese Spannung zwischen Kultur, Intellekt und massiver Gewalt arbeitet das Buch hervorragend aus. Hierzu gehört auch die Entwicklung des jungen Stalin in den letzten Jahren des Zarentums. Ebenso, wie eben „Größenwahn und Bürgerferne“ im Kreml bis heute Tradition haben. Im letzten Kapitel wirft Alexander Rahr abschließend einen treffenden Blick in die Gegenwart Russlands unter Putin (der vielleicht doch auch thematisch noch gut in dieses „Buch der Zaren“ hineinpasst).

 

Hervorragend geschrieben, fundiert recherchiert und immer mit dem Blick auf die großen Verbindungen der einzelnen Geschichten bietet das Buch einen facettenreichen Blick auf die Geschichte der Zaren in Russland, portraitiert die einzelnen Zaren und eröffnet einen differenzierten Blick in die „russische Seele“ mitsamt der Pracht der Monarchen, der vielfachen politischen Wendungen, wirtschaftliche (oft Fehl-) Entscheidungen und dem Elend weiter Teile der Bevölkerung.

 

M.Lehmann-Pape 2012