C.H.Beck 2017
C.H.Beck 2017

Volker Reihnhardt – Pontifex

 

Hervorragend

 

Überaus detailliert und fachkundig, dabei im Stil eher an einen Roman erinnernd als an ein Fachbuch, immer wieder hat Volker Reinhardt einzelne Personen der Weltgeschichte auf seine anregend, bestens zu lesende und intensiv den Personen nachgehende Art und Weise dem Leser nahegebracht.

 

Machiavelli, Luther, Deutsche Familien mit großem Einfluss oder auch einen „unheimlichen (Borgia-) Papst.

 

In seinem neuesten Werk kann man fast von einem Opus Magnus sprechen, nicht nur, was den Umfang und das Format des Buches angeht. Die Papstgeschichte im Gesamten stellt Reinhardt dem Leser vor Augen und das, interessanterweise, nicht primär chronologisch „abhakend“, sondern durchdacht thematisch geordnet.

 

Was stand an an „Kirchengeschichte“, die über lange Jahrhunderte ja nichts Anderes war als Weltgeschichte. Wie war der jeweilige Papst beteiligt, welche Impulse gab er, wo wurde nur reagiert, wo intensiv agiert?

 

Phasen der Kirchengeschichte sind es, die Reinhardt je zum Thema seiner Kapitel setzt und dann die entsprechenden Päpste ihrer Zeit je zuordnet.

 

Von der Entwicklung des zentralistischen Papsttums bei Linus angefangen vor allem dann über Stephan I. und Sixtus II. hin zu Marcellus dem I.

 

Das „doppelte Primat“ im Rahmen der langen Streitigkeiten zwischen Rom und Konstantinopel mit Damasus I. als „erstem Papst“, Anastasius I. und Bonifaz I. als prägende Figuren bis hin zu Anastasius II. und Johannes II. im Anblick der „Goten“.

 

Die Zeiten „am langem Arm von Byzanz“, die folgten mit dem Niedergang des Weströmischen Reiches, die Expansion nach Westen, nach „Europa“ hinein, Schlachten und Kriege, Intrigen und Machtansprüche pflastern den Weg der Päpste, nicht nur in dieser frühen Zeit des Papsttums.

 

Wie all dies Weltgeschichte Machte zu Zeiten, als Reiche gegründet wurden, die über Jahrhunderte das Gesicht Europas bestimmten zeigt der Blick in die Mitte des Mittelalters von Hadrian II. über die Stellung für oder gegen Otto I. hin zu „Drei sind einer zu viel“ was Benedikt IX., Silvester III. und Gregor VI. angeht zum Ende dieser Zeitphase um 1050 n.C. herum.

 

Um nahtlos überzugleiten in Hegemonialkämpfe, ständiges Ringen um die Vormacht, erste Reformen der Kirche, bis hin zum Schisma unter Urban VI. und dessen Folgen.

 

Wie neue Anfänge gesetzt wurden in der Rennaissance, die Kirche Kunst und Kultur mit vereinnahmte, Konzile und die Grenzen der Erneuerung sich einstellten bis dann die „barocke Prachtentfaltung“ eine tiefe Dekadenz zum Vorschein brachte, all dies liest sich spannend, zügig und sehr fließend bei Reinhardt. Bis hin zu den „schwankenden Haltungen der Gegenwart“ zwischen Restauration und Öffnung für die Welt und die „neuen Zeiten“.

 

Ein Werk, das in der Zusammenschau erst vor Augen führt, wie eng „Welt und Kirche“, zumindest in Form der Päpste immer verknüpft waren, wie sehr der „Geist der Abschließung“ und, vor allem, der Bewahrung des eigenen Einflusses auf allen Ebenen oft und oft die „Botschaft“ gekennzeichnet hat, das ist hoch interessant zu lesen.

 

Was schon zu Beginn des Buches beginnt, denn jene Behauptung, nach der eine direkte Linie zu Petrus besteht und dieser überhaupt der erste aller Jünger und damit der erste aller Päpste war (eine Doktrin, aus der sich ja fast der gesamte Machtanspruch der katholischen Kirche und der Päpste ableitet). Das „Petrus Problem“, das Reinhardt an den Anfang der Betrachtungen setzt, macht deutlich, wie letztendlich fragil all diese Ansprüche und Dogmen sind, wenn man sie historisch-kritisch hinterfragt. Petrus zumindest als die Person, die behauptet wird, ist außerhalb christlicher Quellen kaum zu belegen. Und weiterhin gilt bei allem um Petrus herum: „Starke Interessen waren von Anfang an mit dem, Apostel verbunden“, gerade was seine Rolle für Rom und seinen vermeintlich dortigen Todesort angeht. „Geschichtsmächtig“ ist die Rolle des Petrus, aber das eher imaginär, wissenschaftlich gilt vielfach eher das Gegenteil dessen, für was diese Person in der Papstgeschichte steht.

 

Da sind es fast Nebensächlichkeiten, dass im Lauf der Geschichte nicht selten das „theologisch undenkbare“ durchaus geschehen ist: Päpste wurden mehrfach gegen ihren Willen abgesetzt und zur Seite geschoben.

 

 

Eine hervorragende Lektüre, in der Reinhardt seinem eigenen Anspruch gerecht wird, ein ganzheitliches Profil der Päpste und ihres Pontifikats zu schildern. Nicht im kleinsten Detail, aber in den wichtigen, großen Linien ist dies gelungen.

 

M.Lehmann-Pape 2017