C.H.Beck 2012
C.H.Beck 2012

Wolfgang Behringer – Kulturgeschichte des Sports

 

Sport, Politik und Kultur über 3000 Jahre hinweg

 

Der Sport ist in keiner Form Unterrichtsfach eines historischen Studiums oder eines Geschichtsunterrichtes. Ein Fakt, den Behringer durchaus breit, fundiert und differenziert auf den gut 400 Seiten des Buches aufarbeitet und in seiner Darstellung und seinen daraus folgenden Schlüssen damit durchaus in Zweifel zieht. Durchaus gehört der Sport, spätestens seit der „Erfindung“ der olympischen Spiele, eigentlich in die historische Wissenschaft hinein, denn immer schon haben sich im Sport nicht nur „das Spiel“ abgebildet, sondern politische Verhältnisse, kulturelle Eigenarten und geschichtliche Entwicklungen deutlich mit abgebildet. Von „Brot und Spielen“ Roms zu den „Schlachten“ in modernen Fußballstadien liegt dies fast schon auf der Hand, bei so manchen anderen sportlichen Entwicklungen, die Behringer aufnimmt und von denen er durchaus unterhaltsam zu erzählen versteht, gehen diese inneren Verbindungen in die Gesellschaft hinein dem Leser erst durch die interessante Darstellung im Buch auf.

 

Dass sich „historische Akteure“ wie Karl der V. oder die Könige Franz I. von Frankreich und Heinrich VIII. von Engeland lieber nicht als „schwitzende Sportler oder brüllende Fans“ dargestellt sehen wollten, mag durchaus ein Grund dafür sein, dass der Sport nicht zu den „ernsthaften“ geisteswissenschaftlichen Fächern gehört. Durchaus aber genau das waren (nicht nur) diese Könige und Kaiser. Nur eine der vielen Episoden, Geschichten, Darlegungen, mit denen  Behringer den Sport intensiv in der Mitte der jeweiligen Gesellschaften verortet.

 

Im Gesamten lässt sich aus der Lektüre des Buches als Erkenntnis festhalten, dass „sportliche Aktivitäten in den meisten Gesellschaften einen hohen Stellenwert einnahmen“.  Und das nicht nur, weil eben jener Kaiser Karl V. ein begeisterter Tennisspieler war. Sport, mit dem auch persönliche Fähigkeiten, Regierungskraft, Siegeswillen und Siegermentalitäten an höchster Stelle dargestellt wurden. So verwundert es in diesem durchaus wissenschaftlich fundierten Fachbuch nicht, dass sich mit Wolfgang Behringer gerade ein Professor der Geschichte an die Aufarbeitung der „Kultur des Sports“ gemacht hat. Auch wenn Behringer unterhaltsam zu erzählen versteht, der wissenschaftliche Anspruch ist in Form und Stil durchaus klar erkennbar und kann als gelungen umgesetzt betrachtet werden.

 

Von der Antike mit vorolympischen Anfängen, dem Geist Olympias selber bis hin zu den römischen Spielen leitet Behringer seine Untersuchung über zu den Turnieren des Mittelalters, skizziert hier nachvollziehbar den „Weg zur Sportifizierung“ nach und legt vor Augen, wie vom oft blutigem Kampf die Entwicklung zum (ebenso ernsthaft betriebenen , aber meist weniger Opfer forderndem) „sportlichen Spiel“ folgerichtig den Drang zur Körperlichkeit, zum Kampf, in andere Bahnen lenkte. Ebenso interessant sind seine Ausführungen zur „Renaissance der Spiele“, zur Wiederentdeckung der Körperlichkeit und der körperlichen Ertüchtigung durch den Humanismus auf der Basis der Begeisterung und Anlehnung an die Ideale der Antike. In den beiden letzten Kapiteln legt Behringer zudem die „Erfindung des Sports“ im Sinne eines ganz eigenen, gesellschaftlichen Bereiches dar und zeigt den Weg zur Professionalisierung und Kommerzialisierung bis hin zum umfassend professionalisierten Sport der Gegenwart auf.

 

Wolfgang Behringer legt eine historische wissenschaftliche Untersuchung der Entwicklung und Bedeutung des Sports in den menschlichen Gesellschaften vor, die erhellend und fundiert aufzeigt, dass Sport immer mehr als ein Spiel, mehr als ein einfacher Bewegungsdrang war, sondern immer schon im Geflecht von Politik, Macht , Gesellschaft und Kultur auf die ein oder andere Art seinen Platz und vielfache wichtige Funktionen inne hatte.

 

M.Lehmann-Pape 2012