Wolfgang Brenner – Zwischen Ende und Anfang

 

Die Jahre direkt nach dem Krieg

 

„Den Kindern wurde die übersteigerte Bedeutung des Essens mit aller Macht anerzogen“.

 

Ruinen, Lebensmittelscheine, Versorgungsmangel, Abhängigkeit von den Siegermächten, beißende Kälte, ein Land in Ruinen. Das war der Zustand unmittelbar nach Ende des zweiten Weltkrieges, den direkten Jahren danach bis weit in die 50er Jahre hinein.

 

„Das Alltagsleben hatte damals einen ganz anderen Ton als heute. Die Menschen waren verbissen“.

 

Wie aber genau war das? Wer steckte mit unter der Masse derer, die versuchten, zu überleben und Neuaufzubauen? Neben den übersichtlich geordneten und nachvollziehbaren Themenüberschriften der Kapitel lässt Wolfgang Brenner immer wieder hier und da den Blick auf die Gesamtlage in die Tiefe schweifen zu einzelnen Personen und Lebensumständen hin, so dass sich insgesamt ein sehr breites, differenziertes und klares Bild der Gesellschaft jener Jahre ergibt.

 

Das militärische „Regiment“ in den häuslichen Speisekammern. Das Kleidung kaum mehr und wenn, dann nur selten eine „ästhetische Funktion“ besaß. Politik war ein allgemeines Reizthema, das tunlichst vermieden wurde. Denn zum einen hatten viele die Nase von Politik einfach voll, zum anderen, weit gewichtiger, galt es, Themen des dritten Reiches zu vermeiden. So viele waren aktiv dabei, die sich nun nicht mehr zu erkennen geben wollten.

 

Zudem brachte das eine zentrale Thema, neben den Zerstörungen, die Teilungen des Landes, wiederum neue Lebensumstände, Trennungen und Herausforderungen („Fliegerbrücke“), wie das drängende innergesellschaftliche Problem de riesigen Flüchtlingsströme, deren Ablehnung bei Zuweisung an bestimmte Orte weitere starke Probleme hervor.

 

Das nebenbei „Der Sieger zahlt“ galt und durch Reparationsforderungen und Demontagen ganzer Industriezweige die Lage noch schlechter wurde, was einen Wiederaufbau des Landes betraf.

 

Sehr fundiert und in ruhigem, sachlichem Ton nun erzählt von Brenner ausführlich von diesem anderen, „fremden Deutschland“.

 

„Das Nachkriegsdeutschland war eine andere Welt. Sie unterschied sich – was das alltägliche Leben angeht, in fast allem von der Ära des Krieges und der Vorkriegszeit“.

 

Und so kann ein „Heimkehrer“ aus Südamerika dies genau auf den Punkt formulieren:

„Es ist nicht das Bild der Zerstörung der Häuser und Straßen, was uns im Innersten aufwühlt, sondern die Veränderung, ja Verzauberung des Leben, die der Krieg hinterlassen hat. Die Straßen sind tot“.

 

Unduldsame Menschen, jeder sich selbst der Nächste im Gros, die Gedanken mit den primitivsten Dingen des äußeren Überlebens vollständig beschäftigt. Eine der Gegenwart in Deutschland absolut fremde Welt, die Brenner lebendig vor Augen führt in all ihren verschiedenen Facetten.

 

Von der Entnazifizierung über das Reich und die Parteien (und was aus diesen wurde, samt der Millionen „Parteigänger“ der Kriegszeit. Vom Marschall-Plan als der Grundstock des erfolgreichen Neuaufbaus über die Haltung zur Teilung Deutschlands hin zur ausführlichen Schilderung des „ganz (un-) normalen Alltagsleben jener Jahre, das Schwanken zwischen „Macht und Ohnmacht“, all das findet der Leser flüssig und klar beschrieben in diesem Buch.

 

Mit auch überraschenden Erkenntnissen:

 

„Dennoch wird das Interregnum mit seinen vielfältigen Leiden als eine persönlich bereichernde Phase angesehen – und zwar nahezu durchgängig“. Was Brenner ebenfalls prägnant erläutert und in den Gründen darstellt.

 

Eine interessante, umfassende und sehr interessante Lektüre, ergänzt durch einiges, nicht übermäßig vorhandenem Bildmaterials zur Illustration.

 

M.Lehmann-Pape 2017