Rh Audio 2010
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Richard David Precht – Liebe – Ein unordentliches Gefühl – DVD

 

Nicht greifbare Gefühle

 

Wer träumt nicht von der romantischen Liebe lebenslanger, monogamer Ausprägung?

Die eine, der eine, das wird doch zu finden sein, oder nicht?

Leidenschaft, gleichzeitig sichere Geborgenheit und das alles stressfrei und auf Dauer, ob das nicht eine Überfrachtung für ein paar einfache Hormone ist, die sich zudem auch noch gegeneinander ausschließen?

 

Im Zuge seines Bestsellers „Liebe – Ein unordentliches Gefühl“ war Richard David Precht zu Gast beim Hamburger „Harbour Front Literaturfestival“.

60 Minuten seiner durchaus wissenschaftlich fundierten, informativen Rundreise durch die evolutionäre Psychologie, die Biochemie, Biologie und Literaturgeschichte als Exzerpt seines neuen Buches sind auf dieser DVD nun nachvollziehbar.

 

Vor vollbesetztem Haus plaudert Precht entspannt über eines der bewegenden  Themen der Menschheit, entzaubert in einem Rutsch eine Vielzahl durchaus verbreiteter Theorien über die Liebe und Sexualität bis hin zur Entzauberung all jener, die im Publikum immer noch auf den Prinzen auf dem Schimmel warten oder Dornröschen noch wach zu küssen gedenken.

Romantische Liebe ist keine gesetzte Gegebenheit, sondern eine kulturelle Erfindung des Liebesromans des 17. Jahrhunderts. Diese Einsicht will erst einmal verdaut werden, vor allem, da sie aus seinem Mund vollständig überzeugend klingt.

 

Der Mensch ist in keinerlei Hinsicht disponiert auf eine lebenslange und monogame Verbindung, die allein auf einem wenig greifbaren Gefühl beruht.

Dennoch aber verbleibt ein Lichtblick, es können Konstellationen untereinander gefunden werden, die eine durchaus tragfähige Verbindung ergeben, nur eben nicht auf rein hormongesteuerter, emotionaler Ebene.

 

Selbstverständlich sind 60 Minuten, gerade im Blick auf die Vielzahl der von ihm angesprochenen Themen, nicht ausreichend, wirklich in die Tiefe des aktuellen Forschungsstandes zu gehen. Doch in vergnüglicher Breite bietet Precht genügend Stichworte und kurze Betrachtungen an, um seine These der Liebe als kulturelle Entwicklung nachhaltig gegenüber alle Behauptungen nach biologischen oder neurologischen Ursachen zu etablieren.

 

Ohne viel Aufhebens, die ganze Zeit auf einem Stehhocker halb sitzend, mit sparsamen Bewegungen, aber einer deutlichen und eindringlichen Sprache, gewürzt mit jeder Menge trockenen Humors entfaltet sich das Charisma seiner Person fühlbar auf der Bühne.

 

Eine gelungene Zusammenfassung und Darstellung des Kerns seines neuen Bestsellers, frei gesprochen und dem Publikum zugewandt, ist die DVD jedem zu empfehlen, der sich auch einen persönlichen Eindruck von Precht machen möchte.

 

M.Lehmann-Pape 2010