C.H.Beck 2018
C.H.Beck 2018

Waguih Ghali – Snooker in Kairo

 

Herzerfrischend und zudem überaus aktuell

 

Druck, Vorbehalte, Repressionen gegen die, die „anders“ sind, vor allem von jenen, die meinen, ein „traditionelles Recht“ auf die Macht zu besitzen und diese nun, in ihren Augen „endlich wieder“ in den Händen halten, das ist keine Erfindung der aktuellen Probleme der Migration und Integration, sondern das sind Momente, die sich durch jede Geschichte zeitlos ziehen, die jüngere und die ältere Geschichte.

 

So auch Ende der 50er Jahre, trotz Zeiten des allgemeinen Aufbruchs, die auch und gerade in Kairo anlangen.

 

Legeres Leben, Bars, Alkohol und der legendäre Snookerclub, den Ram´s Freund (oder Konkurrent oder ihm in Hassliebe verbundene) Font beaufsichtigt und der Treffpunkt für mehr oder minder (mehr, was Ram´s Freunde, weniger, was ihn selbst angeht) gut gestellte Jugendliche und manche Snooker- und Wettbegeisterte Anwohner ist.

 

„Mir steht frei, zu tun, was ich will“.

 

So sieht Ram meistens die Welt. Mit einiger Bildung versehen (wie alle aus der Oberklasse stammenden jungen Leute war Ram einige Zeit in London auf guten Schulen), aber keinem Geld (und seine Tante rückt nichts heraus), mit einer Mutter, die sich um eine gute und rechte Erziehung sorgt und mit einer heißblütigen Leidenschaft, die schnell bei weiblichen Wesen sich entfacht, angetrieben, verbringt Ram seine Tage mehr oder minder mit Alkohol, in Bars, mit Freunden und ohne größere Ziele.

 

Doch dann kommt Edna. Jüdin. In einer Zeit, in der Nasser Ägypten „auf Linie trimmt“, die alten, englischen Besatzer in Suez bedroht und belagert und Israel zum Erzfeind erkoren hat. Eine Liebe somit, die gefährlich ist.

 

Das leichte Leben wird so nicht mehr dauerhaft funktionieren. Wobei Ghali genau diese leichten Momente, diese Lust am Leben in Ägypten treffend beschreibt und die innere Haltung immer wieder leger auf den Punkt bringt.

 

„Was meinst Du damit, dass Witze reißen Kultur ist“?

 

Eben das. Witze reißen, trocken ironisch parlieren und erst (und weitgehend nur) in Wallung geraten, wenn es um „Spiele und Wetten“ geht, nicht, was Arbeit oder materielle Möglichkeiten betrifft. Das ist das Leben in Kairo, das ist, was die Boheme dort zur Perfektion getrieben hat.

 

Und doch wird Ram noch etwas anderes, grundlegendes am Leben feststellen, und das bitter-süß. Mitsamt Momenten, die sein Leben verändern werden und ihn in Gefahr bringen.

 

„Nur darum werden wir geboren: Damit wir mit dem Menschen, den wir lieben, eins sein können und von ihm geliebt werden“.

 

Eine Gefahr, die Edna schon wesentlich früher am eigenen Leib erlebt. Diese Gesichtsverletzung, von einem ägyptischen Offizier beigebracht.

 

„Ein gutes Opfer, wenn er eine flachlegen will, wird ihm irgendwer gesagt haben…..“

 

Und dann hat er die Peitsche geschwungen, der Offizier. Und Ram wird mehr und mehr hineingezogen in die Härte der Repressionen, den gewalttätigen Geist der Zeit, durch den das ihm gewohnte, leichtlebige Kairo verschwinden wird.

 

So wird Ram politisch. Und auch das eine Parallele zur Gegenwart, wenig kann er dort bewirken und Zynismus ist, was ihm am Ende bleiben wird.

 

 

Ein Roman, in dem Ghali genau jene Sprache gelingt, die er als Atmosphäre beschreibt. Leicht, vor sich hin plätschernd, naiv, fragend, ironisch, trocken, auch leidenschaftlich. Und in dem autobiographische Momente des Schriftstellers mit dem tragischen Schicksal zuhauf einfließen. So dass der Leser tief eintauchen kann in die Atmosphäre jener Zeit, aber auch in dieses grundsätzliche Verstrickt-Sein des Menschen in ein „vor sich hin leben“ aber auch „Entscheidungen und Courage“ auf Dauer nicht entfliehen können“. In der alten Reibung zwischen gewollter und erstrebter Freiheit des Lebens und festen Rahmungen durch ein System der Regression und der Lust an der Macht an sich.

 

M.Lehmann-Pape 2018